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Interview mit Michael Anti(@mranti)

Im Rahmen des 6. Deutsche Welle Blog Awards hatte ich die Gelegenheit mit dem Jury Michael Anti, der bekannte Journalist und Blogger aus China zu treffen. Wir haben versucht durch Michael Anti ein Chinabild im Bereich Journalismus und Medien für Sie zu ermitteln. Das Interview haben wir auf Chinesisch durchgeführt, hier ist die Übersetzung auf Deutsch.

Zukunftswerkstatt: Hallo Michael Anti, können Sie für unsere Leser die Internetzensur in China erklären?

Michael Anti: Ich beobachte die Internetzensur in China schon seit einigen Jahren. In den ausländischen Medien wurde die Internetzensur in China oft nur mit dem Projekt Great Firewall verbunden, in der Tat ist das Thema viel komplexer. Ich sehe es in folgenden Punkten:

  1. Wie ich schon genannte habe, das Projekt Great Firewall sorgt dafür, dass das gesamte Internet in China in Kontrolle zu bleiben. Einerseits sind alle Webseite außerhalb von China nur durch eine Schnittstelle zu erreichen, anderseits sollen die Webseiten gesperrt werden, die bestimmten Stichwörter auftauchen. (die Liste von gesperrten Seiten in China)
  2. Unter dem Great Firewall existieren noch viele unbekannte lokal Firewall, die von Provinzregierung betrieben wurden.
  3. Als Ergänzung zu der maschinellen Kontrolle ist die Internetpolizei ständig „unterwegs“ und versucht die Inhalte zu kontrollieren.
  4. Die schlimmste Zensur in China sehe ich nicht die technische Kontrolle und Internetpolizei, sondern die Selbstzensur. Wir in China haben ein Bildungssystem sowohl in der Schule und auch in der Familien, dass jede einzelner Person schon als Kind wissen, worüber man sagen darf und worüber nicht. Diese “Überlebensfähigkeit” überträgt man natürlich weiter im Netz. Es bildet im Internet auch ohne die Kontrolle eine unsichtbare Linie, wo man nicht überschritten will. Aber ich sehe auch immer positive Beispiele, die wir in der Kommunikationswissenschaft als “opinion leader” nennen. Als Jury von dem 6. Deutsche Welle Blog Awards ist der junge chinesische Blogger Han Han mein Favorit. Nicht weil er auf seinem Blog schon über 300 Millionen Zugriffe hat. Er versucht im Netz, der großen Öffentlichkeit diese Linie aufzubrechen, die jede Chinesen nicht getraut hat.

In China haben die Internetnutzer viele Möglichkeiten die zensierten Webseiten zu besuchen, es wäre nur der erste Schritt die technische Kontrolle zu überwinden. Wir brauchen aber in China viel mehr Leute wie Han Han, die einen freien Kopf haben, dass sehe ich bei den jungen Generation mit großer Hoffnung.

Zukunftswerkstatt: Michael Anti, Sie haben lange Zeit für unterschiedlichen chinesischen Zeitungen gearbeitet, wie reagieren die klassische Medien mit der Zensur?

Michael Anti: Die chinesische Presse hat eigentlich eine Kultur, dass die Journalisten wie hier in Europa eigene Meinung einbringen kann. Aber in China führt dies bei den einzelnen Journalist oft zur Gefahr. Unter dieser Bedingung wandeln die chinesischen Medien zu dem amerikanischen Modell, das die Journalisten eine Nachricht nicht „beurteilen“, sondern nur über die Tatsache beschreiben kann.

Die Journalisten entwickeln damit aber eine Strategie, dass sie jede Nachricht möglichst detailliert zu berichten und jede Tatsache möglichst transparent zu halten. Es kann nicht verhindern, dass das Ministerium für Propaganda immer neue Regelungen für „Tabuthemen“ vorschreibt. Aber ich hoffe, die oben genannte Strategie zu einem Selbstverständnis oder eine Art Richtlinien in dem Berufsfeld entwickeln kann, damit mindestens was in der Zeitung steht in der Wahrheit bleibt.

Zukunftswerkstatt: welche Rolle spielt die wirtschaftliche Entwicklung für die Internetzensur? Könnte es möglich werden, dass das globale Wirtschaftssystem in der Zukunft die Internetzensur in China aufbricht oder mindesten einen Druck darauf ausübt?

Michael Anti: Die chinesische Wirtschaft gehört zu dem globalen Wirtschaftssystem, ohne die internationale Kommunikation kann die Wirtschaft in China nicht funktionieren. Kurzfristig sehe ich nicht, dass die Regierung sagen, wir schalten komplett das Internet in China aus. Es kann die Wirtschaft stark beeinträchtigen und weiter zu einer sozialen Unruhe führen. Das möchte die Regierung natürlich nicht sehen.

Aber an dem Punkt bin ich auch ein bisschen misstrauisch. China ist momentan das zweite Wirtschaftssystem weltweit, für den Weltmarkt spielt China auch eine große Rolle. Der chinesische Markt hat für viele Länder und Unternehmen eine wichtige Bedeutung. Wir nehmen das Beispiel von Google. Um den chinesischen Markt eintreten zu dürfen, muss Google am Anfang auch selbst zensieren. Es ist jetzt vorbildlich von Google wegen Zensur aus dem chinesischen Markt auszuziehen, aber dieser Verlust kann nicht jede Unternehmen ertragen. Die globale Wirtschaft kann eine weitere Entwicklung im Bereich Internetzensur verhindern, aber sie hat auch ihre Grenze. (Ergänzung: Fernsehen Interview mit Michael Anti über das Thema Google und China)

Zukunftswerkstatt: Was haben die neuen Medien zum Beispiel Twitter China verändert?

Michael Anti: Ich sehe die wichtige Änderung vom Internet an die chinesischen Gesellschaft ist das Praktizieren von den Gesetzen.Trotz der Zensur im Internet sind viele Chinesen schon gewohnt mit dem Medium zu publizieren. Es kann eine Statusmeldung bei QQ sein, eine Anfrage in einem Forum sein oder auch ein Blogartikel sein. Diese Möglichkeit hat vor der Internetzeit überhaupt nicht gegeben.

Im Netz kann man eigene Meinung äußern und die neuen Medien wie Twitter vereinfachen diesen Schritt noch weiter. Der technische Fortschritt führt das „freie“ Publizieren im Netz zu einem Selbstverständnis und weiter als Recht der Internetnutzern. Sobald die publizierten Informationen aus unterschiedlichen Gründen zensiert werden, ist das Recht der einzelnen Person geschadet. In diesen Moment können sie auf den Gesetzen zurückgreifen. Das ist einen wichtigen Schritt die chinesischen Gesetze durch die Anwendung zu praktizieren und weiter das Recht der einzelnen Person zu schützen. Damit kann die Internetzensur in China nicht verhindert werden, aber das Selbstbewusstsein zur Meinungsfreiheit ist eine wichtige Grundlage zum Ziel.

Ein anderer wichtiger Fortschritt ist, die chinesischen Internetnutzer kann auf dieser Plattform „frei“ entscheiden welche Inhalte sie lesen möchten. Diese Publikationsform im Internet ermöglicht die Leser die Informationen nicht nur viel schneller als bei den klassischen Medien zu bekommen und die Interesse nach den zensierten Informationen bildet im Netz einen großen Markt. Zum Beispiel wenn ein Buch oder ein Artikel in der Zeitung zensiert wird, taucht gleich die vollständige Version im Internet. Die Informationen können im Netz wieder zensiert werden, aber die entwickelten Technologien und Geschwindigkeit von der Verbreitung machen die Zensur im Netz immer schwieriger.

Zukunftswerkstatt: Als Journalist und Medienforscher, wie sehen Sie die Zukunft der Bibliothek?

Bibliothek für mich ist eine Vorherrschaft der Information oder sie ist der Anhänger von den Universitäten, den ich als die größte Vorherrschaft des Wissens sehe. Für viele Institutionen bedeutet das Internet ein Prozess zu Dezentralisierung, sie wurden gezwungen im Internet die Macht aufzugeben und ein neues Arbeitsfeld zu finden. Das heißt für die Bibliotheken sie verliert durch den freien Zugang zu Information, was das Internet immer mehr anbietet, ihre Bedeutung. Ich sehe nicht die Bibliothek mit ihrer klassischen Aufgabe als Informationsbewahrer weiter existieren kann. Die Digitalisierung und Open-Access-Bewegung können oder werden die traditionelle Bibliothek ersetzen.

Aber ich muss deutlich betonen, das Lernen in der digitalen Welt hat auch seinen Nachteil. Das Lernprozess oder Teilen vom Wissen braucht ein Ort. Technisch kann es ermöglichen zum Beispiel eine Video Konferenz zu starten, aber diese Form von Kommunikation ist nicht vollständig. Es ist nicht vergleichbar mit der realen Welt. Bibliothek als Lernort wird wahrscheinlich immer noch bleiben, aber sie wird nicht wie früher die Welt der Information beherrschen.

22. April 2010 at 18:23 2 Kommentare

Der virtuelle Mauerfall

berlintwitterwallZur Erinnerung der 20 Jahre Mauerfall wird eine interessante Seite Berlintwitterwall aufgebaut. Wer auf Twitter über das Mauerfall etwas sagen möchten, kann einfach in einem Tweet das Hashtag #FOTW eingeben. Die Webseite nimmt alle Tweets mit dem Hashtag und zeigen sie als Stream auf einer virtuellen Berliner Mauer. Seit ein paar Stunden ist diese Seite ist sehr wunderlich, fast alle Tweets sind nur auf Chinesisch.

20 Jahre Mauerfall – ein Tabu auf chinesischen öffentlichen Medien

1989 hat nicht nur für Deutschland und westliche Welt eine Bedeutung. Dieses Jahr ist auch ziemlich wichtig auf der chinesischen Geschichte. Der chinesische große Bruder möchte eine totale Vergessenheit schaffen, auch über das 20 Jahre Mauerfall sollen die Chinesen nichts darüber informieren. Bericht über 20 Jahre Mauerfall soll auf öffentlichen Medien nicht stattfinden, so teilte das Ministerium für Propaganda.

Weiterer Ausbau von Great Firewall

Seit anfang Juni sperrt das Great Firewall Projekt weitere Webseiten, wie zum Beispiel Twitter, Facebook usw. Zum 60 Jahre Nationalfeiertag am 01.10 werden auch viele Twitter APIs gesperrt. Das macht ein einfaches Zwitschern viel schwieriger als früher. Ich konnte zu dieser Zeit in China nur mit dem Programm Tor in das freie Netz gehen.

Die Berliner Mauer hat für die Chinesen eine symbolische Bedeutung, man hofft einerseits die Meinungsfreiheit in dem schnell entwickelnden Land und andererseits einen freien Kommunikationskanal mit der Außenwelt. Vermutlich wird die Berlintwitterwall bald in China gesperrt. Aber der große Bruder kann nicht verhindern immer mehr chinesische Twitterer über verschiedenen Möglichkeiten ein Tweets mit #FOTW rauszuschicken. Ich bin sehr gespannt, wie die deutschen Medien auf dieser Aktion von chinesischen Twitterern reagieren werden und ob ein Kultur- und Informationsaustausch trotz der unsinnigen Sperrung stattfinden kann.

    Teile der Welt jetzt deine Gedanken zum Fall der Berliner Mauer mit oder sag uns, welche Mauern für dich noch fallen sollten, damit die Welt lebenswerter wird.

Dank des tollen Konzepts von Berlintwitterwall können die Chinesen auf dieser Plattform ihre Meinung äußern. Wir hoffen alle Mauer schnell wegfallen, sowohl in der realen und auch in der virtuellen Welt.

mehr zum Thema:

26. Oktober 2009 at 11:51 1 Kommentar

Zensur ohne Grenze

Stellst du dich mal vor, wenn du ab sofort Google nicht mehr benutzen darfst. Ohne Backup von deinen Mails und Fotos, ohne Export von deinen RSS-Feeds. Google ist einfach von deinem Leben verschwinden. So ein tragischer Film hat die Regierung in China gestern Abend gedreht und für alle Chinesen leibhaft gemacht.

Internetzensur hat in China schon lange Geschichte, von Sperren den bestimmten Internetseiten bis zu Aufbau das große Projekt „Great Firewall“ schafft die Regierung jede Zeit in China das Internet zu Intranet umzuschalten. Aber es ist zum Glück nicht ein Land wie Nordkorea. Sie muss austesten, wie die Leute im Land und die Außenwelt reagieren, wenn sie die Internetzensur ausüben will. Der zweistündige Film von Gestern war so ein ähnliches Test. Man weiß nicht was später mit Google in China passieren wird, aber sicher muss man schon für den Tag vorbereiten: alle Email, Fotos herunterladen, RSS Feeds exportieren. Ja, noch ein Tipp, bevor du nach China fährst, Proxy schon vorinstallieren.

Aber warum Google? Wenn du Lust hast, kann ich dir eine Vorgeschichte erzählen. Google war in China immer eine unartige Firma. Als Yahoo schon die privaten Emails an die Regierung abgegeben hat, konnte man immer noch problemlos durch Google die „kritischen“ Seite wie CNN, BBC, Deutsche Welle besuchen.

Um ein Komplettfiltersystem aufzubauen, will die Regierung außer das „Great Firewall“ ab 01. Juli für jeden in China verkauften Rechner ein Software „Green Dam“ installieren. Für die Einführung von der Software gab es die Aussprache, zum Schützen die Kinder und Jugendlichen sorgt die Software dafür, dass alle Porno- und Gewaltseite gesperrt werden. (Wenn sie das wirklich durchsetzen, heißt es auch, dass die chinesischen Erwachsenen auch geschützt werden müssen.:-) In der Tat filtert die Software auch viele „kritische“ Seite direkt von Benutzercomputer aus und protokolliert was man im Internet besucht hat.

Mit so einer großen Firma wie Google benutzt die Regierung andere Strategie. 18.06 hat das China Central Television in seinem bekanntesten Nachrichten Programm Xinwen Lianbo(ähnlich wie Tageschau) berichtete, dass Google viele Pornoseite vermittelt. Das Hauptargument war: „wenn man bei Google bestimmten Suchbegriffen eingibt, tauchen dann nackte Frauen auf!“

Es ist jetzt ein Machtkampf zwischen die Regierung und ihre Bürger. Ein Kampf um die Kontrolle und Überwachung, ein Kampf um die Informations- und Meinungsfreiheit und ein Kampf, der diesmal der Big Brother bestimmt verlieren wird. Weil ihr Gegner ist nicht mehr wie früher nur die einfach vernichtbare Medien, sie sind diesmal die Menschen die miteinander vernetzen sind.

25. Juni 2009 at 16:41 Hinterlasse einen Kommentar


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