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Open Educational Resources als Dienstleistungen von Bibliotheken

Erschien zuerst in: Bibliotheksdienst. Volume 49, Issue 12, Pages 1173–1176, ISSN (Online) 2194-9646, ISSN (Print) 0006-1972, DOI: 10.1515/bd-2015-0142 , November 2015

Lizenzinformation: Creative Commons Attribution-NonCommercial-NoDerivatives 4.0 License. (CC BY-NC-ND 4.0)

Wir hatten im letzten Heft in dieser Kolumne das Thema Recherche nach Open Educational Resources (OER) behandelt. Ein wichtiges Feld, da OER nicht (wieder)verwendet werden können, wenn sie nicht gefunden werden! Daher ist das „gewusst wo“ ein zentrales Thema bezüglich der freien Bildungsmaterialien. Doch Recherche ist nicht alles, was Bibliotheken in diesem Feld leisten können, es ist lediglich eine Vorbedingung. Vor Kurzem gab Thomas Hapke, UB der TU Hamburg-Harburg, in seinem Weblog einen Überblick über das Thema Bibliothek und OER.1 Er bemerkte im Fazit: „Geschrieben wird über OER genug, die Herausforderung ist aber, OER zu produzieren.“ Nun ist aber Produktion nur ein Bereich, in dem Bibliotheken entweder allein oder in Zusammenarbeit mit anderen Institutionen Dienstleistungen anbieten könnten. Es wären noch die Bereiche Distribution und Schulung denkbar. Ich möchte hier kurz schildern, welche Handlungsfelder in Bezug auf Produktion, Distribution und Schulung von OER möglich wären und zum Schluss noch anreißen, inwieweit es sinnvoll ist, hier Ressourcen an Arbeitszeit und Mitteln einzusetzen.

Beginnen wir mit der Produktion von OER: Schon jetzt gibt es Bildungsmaterialien, die von Bibliotheken produziert und vorgehalten werden. Wenn man beispielsweise den Bereich Informationskompetenz ansieht, so sind hier auf Homepages, in Lernmanagementsystemen und auf Festplatten viele Tutorials und Lehrunterlagen zu finden, die bereits produziert sind. Es wäre ein Leichtes, diese Materialien auf Homepages und Lernplattformen wie z. B. Ilias oder Moodle freizugeben und mit einer klaren Lizenz zu versehen, so dass sie weiterverwendet werden können. Das ist kein Verlust, da der Mehrwert nicht (nur) durch die Unterlagen generiert wird, sondern erst durch den Einsatz in spezifischen Lehrkontexten. Dies wäre ein Beispiel für einen Bereich, den die Bibliothek selbst verantwortet. Die Produktion von Lehrmaterialien zu den Themen der Trägerorganisation oder jenen der Nutzer wäre ein weiterer Bereich. Hier wäre die Zusammenarbeit mit anderen Abteilungen der Trägerorganisation sinnvoll, beispielsweise bei Wissenschaftlichen Bibliotheken die Hochschuldidaktik, die E-Learning-Abteilung, bei Öffentlichen Bibliotheken die VHS, die Schulen im Umfeld, die Medienstellen, die Jugendhäuser oder andere. Die Zusammenarbeit kann sowohl auf der Ebene der für die Produktion notwendigen Geräte als auch auf der Ebene des Expertenwissens stattfinden.2 Beispielsweise könnte man Makerspaces zusammen mit einem Jugendhaus abhalten, welches die Geräte und das Know-how zu ihrer Bedienung stellt, während die Bibliothek Wissen (beispielsweise zur rechtlichen Lage) und Räume beisteuern könnte. Sie könnte auch die Dokumentation koordinieren, erschließen und veröffentlichen.

Letzteres leitet bereits über zum Handlungsfeld der Distribution. Hier könnten Bibliotheken das Wissen über OER einsetzen, um den Mehrwert zu zeigen, wie sie es in der Vergangenheit schon bezüglich Open Access getan haben. Zentral bei der Distribution von OER sind zum einen die rechtlichen Lizenzen, die eine Weitergabe regeln, als auch die Erschließung von OER durch Metadaten, damit sie richtig recherchiert werden können. Wer schon einmal OA-Dokumente verwaltet hat, die auf eine Homepage oder ein Repositorium geladen werden sollen, weiß, was ich meine: Oft fehlen Schlagwörter, oft fehlt der Titel und der worst case besteht darin, dass die falschen Daten einer Vorgängerversion übernommen wurden. In Folge dessen besteht hier die Möglichkeit zu einer Dienstleistung, nämlich die korrekte Auszeichnung eines freien Lernmediums mit einer CC-Lizenz – notfalls mit der Nachfrage beim Ersteller, was denn intendiert war –, und zu einer weiteren Dienstleistung in Form der korrekten Erschließung des Dokuments bzw. des Mediums, um ihre Auffindbarkeit zu sichern.

Distribution könnte auch bedeuten, eine thematische Sammlung anzulegen – in Form einer Linksammlung oder eines Repositoriums – oder OER in den Katalog mit aufzunehmen. Letzteres könnte zu fortgesetzter Anpassungsarbeit führen, beispielsweise wenn periodisch neue Versionen entstehen. Eine Sammlung entweder auf der Homepage oder auf einem Repositorium erfordert ebenso Pflegeaufwand. Hier wird oft das Gegenargument ins Feld geführt, dass ein Nachteil von OER ihre breite Streuung sei. Komischerweise ist ein solches Argument bezüglich der Situation der OA-Dokumente auf den vielen unterschiedlichen Repositorien noch nie so deutlich vernommen worden. Vermutlich entsteht irgendwann eine vergleichbare Metasuche nach OER wie durch BASE nach Open-Access-Dokumenten.3 Mein Vorschlag wäre hier: Erst einmal handeln und später die Sammlungen zusammenlegen, wenn eine leistungsfähige Infrastruktur entstanden ist. Das Wissenschaftliche Bibliothekswesen ist ja durchaus geübt im Einstampfen von Projekten …

Das letzte Handlungsfeld wäre jenes der Schulung. Hier kann man sich wieder Dienstleistungen vorstellen, die die Bibliothek selbst oder in Zusammenarbeit anbieten kann. Beispielsweise kann man die Schulung der Recherche nach OER ohne Weiteres als Dienstleistung der Bibliothek innerhalb ihres bereits bestehenden Informationskompetenz-Portfolios vorstellen, ohne dass ein Kooperationspartner vonnöten wäre. Im Gebiet der eigentlichen Herstellung von OER ist das schon anders, hier lohnt es sich, mit Personen oder Institutionen (auch: anderen Abteilungen) zu kooperieren, um bei der konkreten Herstellung von OER ökonomisch vorzugehen. Dasselbe gilt für die anderen Bereiche. Denkbar ist auch, zunächst zu kooperieren, um sich das Wissen anzueignen und später selbst den ganzen Umfang zu verantworten. Oder umgekehrt: Zunächst zu schulen, damit dann die Geschulten später OER selbständig herstellen.

Ich hoffe, Sie haben beim Lesen Ihre Phantasie spielen lassen, denn leider ist der Platz zu knapp, dies mit entsprechenden Beispielen zu unterfüttern. Ganz gewiss aber ist Ihnen der Gedanke durch den Kopf gegangen, ob es denn notwendig ist, hier neue „Geschäftsfelder“ einzurichten, sich dafür zu qualifizieren, Zeit zu investieren – wo doch die Zeit schon für die anderen Dinge kaum reicht. Diese Frage wurde schon oft bezüglich der Schulungen im Bereich der Informationskompetenz, der Literaturverwaltungsprogramme, des Wissenschaftlichen Arbeitens, der Publikationsberatung und dem Forschungsdatenmanagement gestellt. Notwendig ist gar nichts! Wenn aber Bibliotheken sich als Bildungsinstitution begreifen, dann macht es Sinn, OER nicht nur als neue Mode zu begreifen, sondern als ein Handlungsfeld, in dem man seinen Nutzern Mehrwerte anbieten und mit anderen Bildungsinstitutionen gut kooperieren kann. Es muss nicht alles auf einmal sein, man kann Schritt für Schritt vorwärts gehen – man sollte es aber planen und gegebenenfalls auch auf die Fahnen schreiben, sprich: ins Leitbild mit aufnehmen und in den Marketingzirkel implementieren. Der Punkt bei der Sache ist: Bibliotheken können hier Spezifisches beitragen. Darauf kommt es an!

 
Fussnoten:

1 Hapke, Thomas: Open Educational Resources und Bibliothek In: Hapke-Weblog, 12. August 2015. http://blog.hapke.de/information-literacy/open-educational-resources-und-bibliotheken/ [Zugriff: 16.08.2015].

2 Eine Öffentliche Bibliothek erstellte ein Video in Zusammenarbeit mit einer Nutzerin: https://www.ycom/watch?v=LvL0SHHei-c&feature=youtube_gdata_player [Zugriff: 16.08.2015].

3 Bielefeld Academic Search http://www.base-search.net/[Zugriff: 16.08.2015].

28. November 2015 at 18:37 Hinterlasse einen Kommentar

Suche nach Open Educational Resources

Erschien zuerst in: Bibliotheksdienst. Volume 49, Issue 10-11, Pages 1074–1077, ISSN (Online) 2194-9646, ISSN (Print) 0006-1972, DOI: 10.1515/bd-2015-0126, October 2015

Lizenzinformation: Creative Commons Attribution-NonCommercial-NoDerivatives 4.0 License. (CC BY-NC-ND 4.0)

Open Educational Resources – oder kurz OER genannt – sind freie Bildungsmaterialien, die sehr heterogen ausfallen können. Sie können sich zwischen einer Bilddatei, beispielsweise einer Grafik und einem Onlinekurs (MOOC = Massive Open Online Course) bewegen. Der Bezug zu Bibliotheken liegt auf der Hand: Einrichtungen mit einem Bildungsauftrag, ganz gleich ob Öffentliche oder Wissenschaftliche Bibliothek, haben eine Affinität zu Bildungsmaterialien. Da im Zuge von Open Access (OA) schon viele Erfahrungen mit Produktion, Erschließung und Speicherung bei Bibliotheken vorliegen – warum sollte dies nicht erneut eine Aufgabe sein, die Bibliotheken gut zu Gesicht steht? Der Unterschied zu Open Access liegt ja letztlich nur darin, dass diese Materialien einen direkten Bezug zu einer Verwendung in einem pädagogischen Zusammenhang haben, was bei Open Access nur vermittelt der Fall ist. Der didaktische Zweck sollte also einigermaßen auf der Hand liegen und nicht weit hergeholt werden. Auch in der Lizenzierung gleichen sich OER und OA, es sind auch hier wieder vor allem Creative Commons (CC)-Lizenzen im Einsatz. Ich möchte in diesem Heft gerne die Suche nach OER behandeln und im nächsten Heft dann Dienstleistungen aufzeigen, die Bibliotheken rund um Open Educational Resources anbieten könnten.

Bei der Recherche nach OER zeigt sich ein paradoxes Bild: Während allgemein in der Websuche die Linksammlungen derzeit reihenweise eingestellt werden, sind in diesem Feld vor allem Linksammlungen zu finden. Vielleicht ist eine Linksammlung das Medium, um neue Felder von Inhalten zu erschließen, bevor sie dann automatisch indexiert werden können. Jedenfalls werden Sie in diesem Feld nur selten Spezialsuchmaschinen finden, ein seltenes Beispiel ist Elixier http://www.bildungsserver.de/elixier/, welche die Inhalte des Bildungsservers, der meisten Landesbildungsserver und einige andere Seiten durchsucht. Man kann hier auch nach bestimmten Lizenzen eingeschränkt suchen. Damit sind die beiden Kriterien für eine Suche nach OER erfüllt, zum einen die Suche nach Bildungsmaterialien und zum anderen nach den Lizenzen, die es einigermaßen sicher machen, dass man diese weiterverwenden, -verteilen und mixen kann. Wenn man mittlerweile bei Google/Google Images, bei CC-Search http://search.creativecommons.org/?lang=de oder bei Flickr http://flickr.com in der erweiterten Suche (stets erst nach einer Recherche zu Anfang auswählbar) nach verschiedenen CC-Lizenzen recherchieren kann, dann ist das zwar sehr zu begrüßen, es fehlt aber der Aspekt des Filterns nach Bildungsmaterialien, damit man ohne großen Zeitaufwand OER recherchieren könnte. So aber muss man per Hand die Ergebnisse durchsehen und beurteilen, ob die Ergebnisse in einen pädagogischen Verwendungszusammenhang passen. Das ist übrigens auch die Crux von einer sehr hilfreichen Übersicht namens Find OER https://open4us.org/find-oer/, die wunderbar die verschiedensten Dienste auflistet, die freie Materialien erschließen – aber meist recherchiert man mit diesen die freien Lizenzen, nicht aber Bildungsmaterialien. Diese Einschränkung fehlt oft.

Abb. 1:Creative Commons Search bietet eine Suchoberfläche für verschiedene Quellen.

Kommen wir also zu den Linksammlungen. Hier gibt es eine Plattform, die bereits bestand, als von OER noch gar nicht die Rede war, nämlich ZUM, die Zentrale für Unterrichtsmedien im Internet unter http://www.zum.de. Die wohl umfangreichste Plattform ist Open Education Europa http://openeducationeuropa.eu/de, mit deren Hilfe man nach Kursen, MOOCs, Ressourcen und Institutionen suchen und jeweils bei den Ergebnissen weiter einschränken kann. Die OER-Plattform der UNESCO http://www.oerplatform.org/ist im Vergleich dazu bezüglich dem verfügbaren Inhalt weit abgeschlagen. Im englischsprachigen Raum ist noch OERcommons https://www.oercommons.org/oer ein sehr brauchbarer Index. Wenn es so etwas im deutschsprachgien Raum und gut gefüllt gäbe, dann wäre man glücklich! Wer sich bezüglich Repositorien, die OER enthalten könnten, umtun will, findet eine Liste in einem Weblog unter https://oerqualityproject.wordpress.com/2012/10/22/directory-of-oer-repositories/mit dem Hinweis „last update August 2014“. Vieles ist nicht vertrauenerweckend, gleichwohl ist es anregend, die Liste durchzugehen. Englischsprachige Ressourcen wie z. B. Onlinekurse und MOOCs listet Open Culture http://www.openculture.com/auf – das ist sowieso eine Fundgrube für freie Materialien, in der man gut stöbern kann!

Im Bereich der Datenbanken könnten Sie die FIS Bildung http://www.fachportal-paedagogik.de/fis_bildung/fis_form.html ausprobieren. Hier kann man ein Häkchen bei „nur Volltexte“ setzen, bekommt so frei zugängliche Inhalte und kann dann bei der Ergebnisdarstellung rechts in der Leiste unter „Suche verfeinern“ nach „Unterricht“ oder „Schulunterricht“ etc. Ausschau halten. Ob das gefundene Material dann weiterverwendbar ist, sollten Sie dem Dokument selbst entnehmen.

Wenn man den Web-2.0-Gedanken verfolgt, dann müsste es auch möglich sein, die Community mitsammeln zu lassen und dies zu nutzen! Ein Beispiel wäre das entsprechende Schlagwort bei Edutags, einem Social-Bookmark-Service unter http://www.edutags.de/. Bei Diigo, ebenfalls einem Bookmarkservice, sammelt eine Gruppe unter https://groups.diigo.com/group/openeducationalresources. Auch Blogeinträge lassen sich so suchen, derzeit am besten bei Twingly Blog Search http://www.twingly.com/search?q=OER. Sie können ja im Suchfenster noch ein Thema ergänzen und so herausfinden, ob es Blogeinträge hierzu gibt. Falls es effektiv war, kann man die Suche auch per RSS abonnieren. Beim Thema Blogs sind wir auch gleich beim Thema Neuigkeiten, wie recherchiert man die? Nehmen Sie zwei: Die Transferstelle für OER http://open-educational-resources.de/und Bibliotheken und OER http://biboer.wordpress.com/.

Abb. 2:Hier sammelt die Community: Sozialer Bookmarkdienst edutags.

Wünschenswert wären in diesem Bereich, das sollte zum Schluss festgehalten werden, Suchinstrumente, die sowohl die entsprechenden Lizenzen recherchierbar machen – das ist schon ganz gut umgesetzt, aber noch nicht im Bereich der Suchmaschinen – und gleichzeitig die Ergebnismenge nicht nur auf den Bereich der offenen Materialien, sondern explizit der Bildungsmaterialien eingrenzen. Hier wäre zudem für eine effektive Recherche erforderlich, dass auf bestimmte Einsatzgebiete (Schule, Hochschule, Weiterbildung) und Stufen eingeschränkt werden kann. Zukunftsmusik. Vorbedingung wäre eine entsprechende Erschließung der Materialien. Das wäre der Bereich der Metadaten, die auch eine Dienstleistung von Bibliotheken sein könnten, wo sie zumindest ihre Expertise ins Spiel bringen könnten, vielleicht auch mehr. Darüber nächstes Mal mehr!

6. November 2015 at 01:30 2 Kommentare

Das „Internet der Dinge“ – wenn Alltagsgegenstände sich vernetzen

 
 
Dieser Beitrag erschien im Rahmen der Zukunftswerkstatt-Kolumne in: Bibliotheksdienst. Band 48, Heft 10, Seiten 828–831, ISSN (Online) 2194-9646, ISSN (Print) 0006-1972, DOI: 10.1515/bd-2014-0101, September 2014
 
 

Das „Internet der Dinge“ („Internet of things“, „IoT“), bei dem Maschinen, Geräte und Sensoren autark über das Netz miteinander kommunizieren, ohne dass Menschen eingreifen („Maschine-zu-Maschine-Kommunikation“), stellte sich uns im Januar 2014 als Bedrohungsszenario vor.

Google hatte den Thermostat- und Rauchmeldehersteller Nest Labs mit seinem „denkenden“ Thermostat Nest gekauft und in den Medien wurde daraufhin geunkt, dass es dem Internet-Riesen wohl vorrangig ums Datensammeln ginge. In diesem Fall um das Sammeln von Bewegungsdaten, die unsere Lebensgewohnheiten in den eigenen vier Wänden dokumentieren. Zu welchen Tages- und Nachtzeiten sind wir im Haus und welche Räume nutzen wir dann wie?

Zum einen sind diese Daten wichtig, um den Energieverbrauch daheim mit unserem Energieversorger zu koordinieren, sprich: die Heizung muss nicht durchlaufen, wenn keiner zu Hause ist. Zum anderen aber wird Google uns auf Grundlage dieser Datenerhebung fortan mit individualisierter Werbung versorgen, so viel sollte klar sein. Wie können diese Daten sonst noch genutzt werden? Werden Hacker sie vielleicht ausspionieren, um die Kommunikation der „Dinge im Internet“ zu manipulieren?

Andere Anwendungen machen den Zwiespalt zwischen hohem Alltagsnutzen durch intelligent miteinander agierende Werkzeuge im Netz einerseits und dem Anlegen undurchsichtiger Datenpools andererseits noch klarer: der Kühlschrank, der selbstständig die fehlenden Lebensmittel im Supermarkt nachbestellt, Autos, die untereinander Informationen über Staus austauschen, Herzschrittmacher, die im Notfall den Arzt alarmieren. Dies sind Projekte, die uns wie der mitdenkende Kühlschrank möglicherweise überflüssig erscheinen. Keiner wird jedoch abstreiten, dass umsichtig kommunizierende Herzschrittmacher oder PKWs, die uns an nervenden Staus vorbeilotsen, eine wirklich nützliche Innovation sind, die wir in der Regel dann auch haben wollen.

Das „Internet der Dinge“ ermöglicht industrielle Fertigungs- und Arbeitsprozesse vollkommen ohne menschlichen Anteil zu organisieren. Dass es sich dabei nicht um Science-Fiction handelt, sondern dies schon Realität in unserem Leben ist, zeigt die Zahl von 14 Milliarden Objekten, die heute bereits über das Internet vernetzt sind. Bis 2020 soll sich die Zahl nach Schätzungen des Marktforschungsunternehmens IDC (International Data Corporation) mehr als verdoppeln.[1]

Sprechen wir vom „Internet der Dinge“, so ist ein weiteres Trendwort nicht fern – „Smart“. Mit „Smart“ werden Technologien bezeichnet, die intelligent sind und sich effektiv bei der Bewältigung unseres Alltags einsetzen lassen.

Wir haben smarte Zahnbürsten, die uns sagen, wir sollten länger Zähne putzen, smarte Sensoren im Auto, die die Geschwindigkeit drosseln, wenn wir mal wieder im Straßenverkehr über die Stränge schlagen, und smarte digitale Fotorahmen, die sich ausschalten, wenn wir sie nicht mehr mit den Augen fixieren.

Und nicht zuletzt haben wir alle Smartphones, iPhones und iPads, die ohne unser Zutun einen sehr großen Teil unseres Alltags managen, indem sie diverse Tools und Services selbstständig miteinander vernetzen. Mobile Endgeräte werden zukünftig auch die zentralen Steuerungswerkzeuge in vernetzten Umgebungen sein.

Ohne Sensoren wie bei unserem denkenden Nest-Thermostat ist eine Vernetzung allerdings gar nicht möglich. Zunächst erfassen und analysieren sie Umgebungsdaten, bevor sie sie mit anderen Alltagsgegenständen austauschen. In Bibliotheken nutzen wir diese Sensoren längst in Form von RFID-Anwendungen.

Ergänzend können hier auch Projekte rund ums „intelligente Regal“ wie die des Sitterwerks in St. Gallen genannt werden, die es dem Bibliotheksnutzer mithilfe hochsensibler Sensoren ermöglichen, ein Medium in jeweils unterschiedliche inhaltliche Zusammenhänge zu stellen, ohne es aus den Augen zu verlieren und dabei Sachgruppen und Systematiken durcheinander zu bringen.[2]

The internet of things

Abb. 1: Internet of things signed by the author CC BY 2.0; Wilgengebroed on Flickr

Die rasante Weiterentwicklung dieser Sensoren und der wachsende Markt dafür lässt auch Startups wie Rockethome [3] und Greenpocket [4] im sogenannten  „Wired-and-green-Markt“ aus dem Boden schießen, die mit Themen wie „Smart Home“ und „Smart Metering“ [5] den Weg in Richtung einer grünen Wohnzukunft ebnen. Zurzeit scheint eine flächendeckende Realisierung von Smart-Home-Konzepten jedoch noch zu aufwändig und zu teuer für die Wohnbaugesellschaften.

Wer sich einen Eindruck davon verschaffen will, kann sich z. B. auf der Website des „Museum of Science + Industry“ in Chicago über „Smart Homes“ mit smarter Technologie informieren.[6] Es sind Best-Practice-Beispiele für das vernetzte Haus mit all seinen Vorteilen auch für die Umwelt.

Abgesehen von vielen anderen „IoT“-Technologien, die hier leider zu kurz kommen müssen, wie die Tools der Quantified-Self-Bewegung [7] – das Fuelband von Nike oder die Smart Watch „Samsung Galaxy Gear“ –, ist für mich die momentan bestechendste Vision des „Internets der Dinge“ die Verwirklichung eines umweltschonenderen Wohnens und Lebens in der Zukunft.

So ist eines der Ergebnisse der „Carbon-War-Room (CWR)-Studie“ [8] , dass sich der CO2-Ausstoß auf der Erde um jährlich 9,1 Gigatonnen reduzieren ließe, wenn die zahllosen Maschinen, die wir nutzen, effektiver miteinander kommunizierten – ob nun im Haus, in der Landwirtschaft, in der industriellen Produktion oder im Verkehrs- und Gebäudemanagement.

Mit der Bewertung von Technologien des „Internets der Dinge“ bewegen wir uns, wie bei so vielen anderen Dingen auch, immer zwischen zwei Polen: Zum einen wollen wir unser Leben mit all seinen Aufgaben und Herausforderungen intelligenter, effektiver und ressourcenschonender, also insgesamt smarter organisieren. Und das nehmen uns die oben aufgeführten smarten Helferlein ja bereits ab. Damit sie das tun können, müssen wir allerdings Daten über unsere Lebensgewohnheiten preisgeben. Denn das eine wird ohne das andere nicht zu haben sein.

Wie ist das mit dem Datenschutz und in welchem Ausmaß werden die Maschinen bzw. „Dinge im Internet“ unser Verhalten möglicherweise unbemerkt normieren, wenn wir Menschen bei der „Maschine-zu-Maschine-Kommunikation“ außen vor bleiben?

Wir sollten daher innovative Technologien nicht nur auf ihren Nutzen hin testen und beurteilen, sondern immer auch abwägen, ob der individuelle Nutzen die Preisgabe der persönlichen Daten rechtfertigt. Im Rahmen der Vermittlung von Informations- und Medienkompetenz werden solche Fragen mit Sicherheit zukünftig auch Bibliotheksmitarbeiter beschäftigen.

Uwe Nüstedt, Öffentlichkeitsarbeit bei der Stadtbibliothek Wolfsburg und Zukunftswerkstatt

 

[1] IDC – Analyze the future http://idc.de/de/

[2] s. Preisverleihung „Zukunftsgestalter in Bibliotheken“ 2013 https://zukunftswerkstatt.wordpress.com/2013/03/12/zukunftsgestalter-in-bibliotheken-2013-2/

[3] s. Rockethome http://www.rockethome.de/

[4] s. Greenpocket http://www.greenpocket.de/

[5] Smart Metering: Übertragungsvorgänge und die damit verbundenen Prozesse und Systemlösungen beim Einsatz Intelligenter Zähler, die über die reine Energieverbrauchsmessung hinaus mit zusätzlichen Funktionen ausgestattet sind.

[6] http://www.msichicago.org/whats-here/exhibits/smart-home/the-exhibit/green-inside-and-out/smart-technology/

[7] http://de.wikipedia.org/wiki/Quantified_Self

[8] http://www.grahampeacedesignmail.com/cwr/cwr_m2m_down_singles.pdf

23. Oktober 2014 at 16:06 Hinterlasse einen Kommentar

Shareconomy – alter Wein in neuen Schläuchen, und was Bibliotheken davon haben könnten

Dieser Beitrag erschien im Rahmen der Zukunftswerkstatt-Kolumne in: Bibliotheksdienst. Band 48, Heft 8-9, Seiten 693–697, ISSN (Online) 2194-9646, ISSN (Print) 0006-1972, DOI: 10.1515/bd-2014-0084, August 2014

Shareconomy – alter Wein in neuen Schläuchen, und was Bibliotheken davon haben könnten

 

Shareconomy oder KoKonsum (kollaborativer Konsum) – das sind aktuelle Kunstwörter, die die Kultur des Tauschens oder Teilens als Trend für ein verändertes Konsumverhalten westlicher Wohlstandsgesellschaften beschreiben.

 

Zu tauschen statt zu kaufen, zu teilen und mehrfach zu nutzen statt zu verschwenden, zu verschenken bzw. zu reparieren und weiter zu verwerten statt zu entsorgen (“Upcycling”) – Die Idee begegnet uns im Alltag in Form von Carsharing, Foodsharing, CoWorking, Urban Gardening und einer inzwischen nicht geringen Zahl von Online-Tauschbörsen für Kleidung, Kinderspielzeug, und kleineren Dienstleistungen im Bereich Nachbarschaftshilfe.[1]

 

Auch Medien sind natürlich – das ist nicht neu – Gegenstand des Tausch- und Verleih(!)handels. Für den bibliothekarischen Bereich wird es spannend, wenn man Plattformen wie Tauschticket oder Tauschgnom (s.u.) betrachtet. Hier wird institutionalisiert, was es informell schon lange gab: private Tauschringe für Bücher, Spiele, Filme. Worin besteht der Unterschied zwischen herkömmlichen Tauschinitiativen und der aktuellen gesellschaftlichen Strömung? Versuchen wir, das zu ergründen.

Foodsharing

http://www.foodsharing.de – das Prinzip kurz erklärt.

 

Dass der Trend, der seit etwa drei Jahren in der öffentlichen Wahrnehmung an Fahrt aufgenommen hat, sich gern einen sozialen Anstrich in Zeiten des Überflusses gibt, wird von Kritikern als lupenreines Gewinnmaximierungsdenken entlarvt: “Das war schon immer der Trick des Kapitalismus: Uns zu verkaufen, was es vorher umsonst gab. Jetzt hat er die neueste Marktlücke entdeckt: den Kommunismus.”[2] – diese und ähnliche Aussagen zielen auf die Hypothese ab, dass in Zukunft in erhöhtem Maße auch kleinste Gefälligkeiten, ausgetauscht über kommerzielle Plattformen, nur gegen Gegenleistung oder Bezahlung zu haben sein und damit den Ursprungsgedanken konterkarieren könnten. Auch eine aktuelle Marktforschungsstudie belegt: Shareconomy ist nicht wie im bisher angenommenen Maße ideell motiviert: Zeit- und Kostenersparnis sind vielmehr individuelle Hauptmotive der Teilenden und Tauschenden.[3]

 

Die letztjährige CeBit beschäftigte sich schwerpunktmäßig mit den ökonomischen und technologischen Aspekten des Phänomens Shareconomy: Geschäftsmodelle und die Bereitstellung von IT-Lösungen zur Realisierung von Sharing-Plattformen im Social Web sind in der Tat ein wachsender Wirtschaftsfaktor.[4] Was der Teil- und Tauschgedanke für Content in der Cloud bedeutet oder wie er den Bereich vernetzter Zusammenarbeit verändert, ist zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht in Gänze abzusehen.[5]

 

Naheliegende Parallelangebote der Shareconomy zum Bibliotheksbereich sind, wie oben erwähnt, die Bücher-, Spiele- und Filmtauschplattformen. Im Gegensatz zu privaten Tauschzirkeln sind die neuen Online-Tauschplattform öffentlich sichtbar, überregional verbreitet und zunehmend professionell organisiert – und kommerziell. Bibliotheken werden sie zwar nicht den Rang ablaufen – man mag sich jedoch an kommunale Debatten über die Einrichtung von Bücherschränken zur Haushaltskonsolidierung erinnern und sich vorstellen können, dass immer professionelle und attraktivere Shareconomy-Angebote Fragen nach dem Mehrwert einer Bibliothek für eine Kommune provozieren könnten.

 

Tauschgnom

http://www.tauschgnom.de – Ein Gemischtwarenladen mit starkem Medienbezug.

Bibliotheken sind dabei in der komfortablen Situation, Shareconomy-Konkurrenzangebote gerade durch deren Sichtbarkeit im Netz bestens auffinden und ideal für sich nutzen bzw. eine strategische Symbiose eingehen zu können, wie es beispielsweise beim Aufkommen des Bookcrossing-Trends geschehen ist.[6] Als non-profit-Institution, die es sich schon immer zur Aufgabe gemacht hat, gesellschaftlich durch das Teilen von Wissen und entsprechende Dienstleistungen beizutragen, kann eine Bibliothek einerseits ihrer Community konkrete Angebote als Plattform für Veranstaltungen oder Services mit Shareconomy-Bezug unterbreiten. Andererseits kann sie sich bei zunehmender Kommerzialisierung von Shareconomy-Diensten mit ihrem öffentlichen Auftrag als Alleinstellungsmerkmal profilieren. Es könnte Bibliotheken leicht fallen, ein produktiver und aufgrund ihrer in dieser Hinsicht wirtschaftlichen Unabhängigkeit hochgeschätzter Teil dieser Bewegung zu werden, wenn sie sich den gesellschaftlichen Veränderungen auch in diesem Bereich nicht verschließen – ungeachtet dessen, wie kurzlebig dieser Trend sich vielleicht auch erweisen mag. Allerdings wird es auch trotz unkommerzieller Zielsetzung weiterhin notwendig sein, durch Veranstaltungsformate, ansprechende Räumlichkeiten und ausgezeichnete Beratung einen weiteren Mehrwert zu den bequemen Online-Tauschringen zu bieten. Die Zukunftswerkstatt befasst sich daher dieses Jahr schwerpunktmäßig zum Beispiel mit den Potenzialen der CoWorking-, der Makerspace- und der Social-Reading-Bewegung für Bibliotheken. Wer hier mitdenken und -entwickeln möchte, erreicht uns unter zukunftsentwickler@zukunftswerkstatt.org.

 

Cordula Nötzelmann, Stadtbibliothek Köln und Zukunftswerkstatt

 

Alle URLs wurden zuletzt besucht am 14.05.2014.

 

 


 

[1] Hier eine Übersicht: http://crowdcommunity.de/shareconomy/

[2] vgl.: Staun, Harald: “Shareconomy: Der Terror des Teilens” http://www.faz.net, 22.12.2013. http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/shareconomy-der-terror-des-teilens-12722202-p3.html?printPagedArticle=true#pageIndex_3

[3] vgl.Pressemitteilung Metadesign vom 21.01.2014: “Wie Marken vom Sharing profitieren – MetaDesign und FGM veröffentlichen Studie zur Shareconomy”. http://www.metadesign.com/de/berlin/media/press-releases/wie-marken-vom-sharing-profitieren-%E2%80%93-metadesign-und-fgm-ver%C3%B6ffentlichen-studie-zur-shareconomy

[4] vgl. Weigert, Martin: “Shareconomy: Cebit-Motto gibt dem kollaborativen Konsum Anschub”. 05.03.2013. http://netzwertig.com/2013/03/05/shareconomy-cebit-motto-gibt-dem-kollaborativen-konsum-anschub/

[5] vgl. http://www.wirtschaftsforum.de/news/beitrage/trend_shareconomy_teilen_statt_kaufen/index.html

[6] Bibliotheken eignen sich ein Konzept an: http://www.bookcrossing.com/files/bookcrossing-and-libraries.pdf

1. September 2014 at 13:15 3 Kommentare

„Gut arbeiten in der Zukunft“ – zur Zukunft der Arbeit. Ein Streifzug über die Konferenzen „CoWork 2014 und „Work in Progress“

Dieser Text erschien in Heft 7/2014 des Bibliotheksdiensts im Rahmen der Zukunftswerkstatt-Kolumne

Die Digitalisierung verändert unser Leben und somit auch die Umstände, unter denen wir lernen und arbeiten,und dasimmer rasanter. Die gängige Vorstellung, dass Arbeit und Freizeit strikt voneinander zu trennen sind, „Work-Life-Balance“ also, hat sich längst in Richtung einer „Work-Life-Flexibility“ verwandelt. Und dabei stehen wir erst am Anfang der digitalen Revolution.

Wie wir auf den radikalen Wandel reagieren, den die Digitalisierung mit sich bringt, dafür müssen wir als Gesellschaft Strategien entwickeln. Wie kann sich Gesellschaft neu organisieren, wenn es immer weniger Arbeit einer bestimmten Art gibt? Wie konkret reagieren Unternehmen auf den Wandel? Inwieweit beeinflussen z. B. Coworking Spaces[1] die Zukunft der Arbeit und tragen auch zu einer kreativen Stadtentwicklung bei? Und was ist das überhaupt – „gute Arbeit“?

Fragen über Fragen, die auch bei der Weiterentwicklung von Bibliotheksangeboten eine große Rolle spielen. Mit diesem Blick besuchte ich die Cowork2014 vom 7. bis 9. Februar in Wolfsburg und die Konferenz „Work in Progress“, die vom 14. bis 16. März auf Kampnagel in Hamburg stattfand.

In seiner Keynote „Die Schönheit des halben Lebens“ zur „Work in Progress“ hob Professor Dr. Robert Pfaller von der Universität für angewandte Kunst in Wienhervor, dass unsere Gesellschaft schon zu über 50 Prozent aus Wissensarbeitern bestehe. Wissensarbeit wird definiert als die Bewältigung von komplexen und neuartigen Aufgaben, die sich nicht mehr mit den einmal gemachten Erfahrungen erledigen lässt. Wissensarbeiter müssen daher ständig neues Wissen erwerben, integrieren oder entwickeln. Das lasse sie insgesamt auch flexibler auf die rasanten Veränderungen der digitalen Revolution reagieren, resümierte Pfaller.

PfallerWorkinProgress0314.JPG wird angezeigt.

Prof. Dr. Robert Pfaller (Foto: Nüstedt)

Berufsbilder und Berufungen sind also einem stetigen Wandel unterworfen. So wie wir bisher eine „gute Arbeit“ definierten – Arbeitszeit von 9 bis 17 Uhr, ein fester Arbeitsort und Kollegenkreis und das vom Berufsstart bis zur Rente – wird es in Zukunft immer seltener der Fall sein.

Das heißt aber nicht „Leben, um zu arbeiten“ und selbstoptimiert auch die Freizeit nach dem Prinzip „höher und weiter“ effektiver gestalten müssen. Denn ob eine Arbeit eine gute Arbeit ist, hängt ganz wesentlich auch von den Verwertungs-modellen ab, die ihr zugrunde liegen, sagt Robert Pfaller.

Arbeiten wir, um mit unserem Einsatz den Produktionskreislauf eines bestimmten Produktes in Gang zu halten oder mit dem Ziel einer gewissen Perfektibilität, bei der wir den Grad der Nachhaltigkeit selbst bestimmen können? Das „Mithineinkonstruieren diverser Defekte“ in ein Produkt, damit es nach einer bestimmten Zeitspanne durch ein neues ersetzt werden muss, wie z. B. in der Automobilproduktion, ist für Pfaller ganz eindeutig kein nachhaltiges Verwertungs-modell.

Stichwort „Nachhaltigkeit“: genau an diesem Punkt setzt ja die sog. Maker-Bewegung (Makerspaces, FabLabs etc,)an, in dem sie die „Entscheidung über die Produktionszyklen der Verantwortung des Einzelnen überlässt“. Mit den immer weiter verbreiteten 3D-Druckern bekommt mittelfristig jeder die Möglichkeit, nach seinen Wünschen und Bedürfnissen das zu produzieren, was er benötigt – individuelle und kreative Produkte und keine Massenware von der Stange. Die Entwicklung des 3D-Druckers ist der Anfangspunkt einer neuen industriellen Revolution.

Immer mehr Kreativschaffende stellen daher für sich den Aspekt der Berufung in den Vordergrund und arbeiten an dem, was sie erschaffen wollen, ob es nun zeitgemäße Produkte oder Dienstleistungen sind. Für sie ist Arbeit eine Lebensform, in der sie mit anderen kreativen Wissensarbeitern zusammenkommen und ihre Fähigkeiten entfalten können. Zum Stichwort „Gängige Vorstellung von guter Arbeit:“ Wissensarbeiter und Kreativschaffende verzichten oft auf einen Arbeitsplatz innerhalb einer festen Büro- und Organisationsstruktur. Immer häufiger sind Coworking Spaces die geeigneten Orte, an denen sie ihr Lebens- und Arbeitsideal verwirklichen wollen.

Rund 50 Coworker aus ganz Deutschland und der Schweiz waren vom 7. bis 9. Februar zur deutschen Coworking-Konferenz „Cowork2014“ nach Wolfsburg gekommen, um in Barcamp-Sessions verschiedene Aspekte des Coworkens zu thematisieren. Darunter waren Themen wie „Arbeitsstrukturen und Regeln“, die es in einem Space gibt und die oftmals so erlebten Gegensätze von kollektiven und individuellen Interessen wie produktives gemeinschaftliches versus produktives ungestörtes Arbeiten.

Wenn es im Zusammenhang mit Coworking um gruppendynamische Synergieeffekte wie Inspiration, Austausch und Vernetzung ging, hörte ich immer ganz besonders gut hin. Warum? Weil ich mir wünsche, dass das auch mehr und spontaner in Bibliotheken stattfindet: Ein gutes Beispiel dafür ist Co-Learning als Möglichkeit, sich untereinander spontan und flexibel über neue Technologien auszutauschen und Fähigkeiten dann von anderen Coworkern zu erlernen, wenn sie benötigt werden. Das, meine ich, ist gerade für Bibliotheken ein wichtiges Thema, die sich als Protagonisten im Prozess des lebenslangen Lernens neu aufstellen.

Coworking Spaces geben jungen Startups einen Raum, ihre noch unausgereiften Ideen in der Vorgründungsphase auszutesten und betreiben damit eine Art Wirtschaftsförderung von unten. In Bezug auf eine geplante Unternehmensgründung ist das wie eine Schule zur Selbstständigkeit im Gegensatz zur Kompaktberatung, die IHKs häufig noch anbieten.

Wie werden nun Coworking Spaces und die neuen kreativen Arbeitsformen die Gesellschaft und die Zukunft der Arbeit verändern? Und welchen Einfluss haben sie auf die Entwicklung unserer Städte und ländlichen Räume? Was brauchen Städte, um kreatives Potenzial entfalten zu können?

Mit seinem Projekt „Die Stadt als Campus“ betonte in Wolfsburg Prof. Dr. Reiner Schmidt

SchmidtCowork2014.JPG wird angezeigt.

Prof. Dr. Reiner Schmidt (Foto: Nüstedt)

von der Hochschule Anhalt die Bedeutung neuer Arbeits-, Entfaltungs- und Experimentierräume für Bildungsprozesse in der kreativen Stadtentwicklung. Indem die Stadt zum Labor für neue urbane Lebensstile, Bildungsmodelle, Arbeits- und Kooperationsformen würde, trage sie zu einer aktivierenden Stadt-, Immobilien- und Freiraumentwicklung bei.

Weiterführende Informationen gibt es unter: http://cowork.mixxt.de/, http://work-in-progress-hamburg.de/ und im Blog der Zukunftswerkstatt: http://www.zukunftswerkstatt.org

 

 

 

 

Über den Autor:

Uwe Nüstedt, Öffentlichkeitsarbeit in der Stadtbibliothek Wolfsburg und Zukunftswerkstatt e.V.

 

[1] Coworking Spaces sind Räume, die auf Tages-, Wochen- oder Monatsbasis Arbeitsplätze und Infrastruktur (Netzwerk, Drucker, Scanner, Fax, Telefon, Beamer, Besprechungsräume) zur Verfügung stellen und die Bildung einer Gemeinschaft („Community“) ermöglichen, welche mittels gemeinsamer Veranstaltungen, Workshops und weiterer Aktivitäten gestärkt werden kann. Dabei bleibt die Nutzung jedoch stets unverbindlich und zeitlich flexibel (Quelle: Wikipedia)

1. Juli 2014 at 16:13 1 Kommentar

Innovation nicht nur in großen Bibliotheken

Dieser Beitrag von Prof. Dr. Rudolf Mumenthaler (HTW Chur) erschien im Rahmen der Zukunftswerkstatt-Kolumne in: Bibliotheksdienst. Band 48, Heft 5, Seiten 345–349, ISSN (Online) 2194-9646, ISSN (Print) 0006-1972, DOI: 10.1515/bd-2014-0045, April 2014

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Das Thema Innovation und Innovationsmanagement ist mittlerweile in den größeren Bibliotheken angekommen. Die Notwendigkeit sich als Bibliothek weiterzuentwickeln und neue Dienstleistungen einzuführen, um in der sich immer schneller verändernden Umwelt weiter zu bestehen, wird heute kaum mehr in Frage gestellt.

Verschiedene Bibliotheken – in erster Linie größere Universitätsbibliotheken – haben das Thema Innovation in ihrer Strategie verankert und angefangen, Innovationen systematischer anzugehen. Unter dem Stichwort Innovationsmanagement wurden nach dem Vorbild von Profit-Organisationen Verfahren und Methoden für den Bibliotheksbereich adaptiert. Dabei ist zu beachten, dass es bei Innovation um mehr geht als neue Ideen. Entscheidend sind die Umsetzung von neuen Ideen zu Produkten und Dienstleistungen und ihre erfolgreiche Vermarktung.[1]

Als Einstieg möchte ich auf die Besonderheiten von Innovation und Innovationsmanagement im Umfeld von Bibliotheken eingehen. Verschiedene Untersuchungen haben gezeigt, dass sich Bibliotheken tendenziell als überdurchschnittlich innovativ bezeichnen.[2] Außerhalb der Szene sieht man dies etwas skeptischer. So zweifelt Lukas Schmid, der Leiter des Innovationszentrums St. Gallen, an der grundsätzlichen Innovationsfähigkeit und –willigkeit der Bibliotheken: „Ich bin gar nicht sicher, inwiefern eine Bibliothek überhaupt bestrebt ist, im Sinne einer Geschäftsmodell-, einer Produkt- oder einer Dienstleistungsinnovation ihre Erscheinungsform zu ändern.“[3] Offenbar sprechen der Betriebswirtschaftler und die befragten Bibliotheksverantwortlichen nicht vom Gleichen. Die Aussage der Bibliotheken zeugen davon, dass man die Bedeutung der Thematik erkannt hat und dass man gewillt ist, neue Wege zu beschreiten. Der Betriebswirtschaftler versteht aber unter Innovation (wirklich) neue Produkte und Dienstleistungen. In der Theorie bezeichnet man diese Form als radikale Innovation. Wenn man Bibliotheken fragt, welches konkret die Innovationen der letzten Jahre waren, werden aber keine radikalen Neuerungen erwähnt. Es handelt sich meist um die Verbesserung von Dienstleistungen, die Anwendung neuerer Technologien oder Angebote, die zwar für die jeweilige Bibliothek neu sind, jedoch nicht weltweit erst- und einmalig. Ja, in der Regel sind diese „Innovationen“ nicht einmal für die Bibliotheksbranche neu.

Diese Feststellung klingt zunächst vermutlich etwas entmutigend. Aber aus meiner Sicht ist das wirklich ein Problem. Warum? Bibliotheken operieren nicht – wie die meisten Profit-Unternehmen – auf einem weltweiten Markt. Ihre Kunden und Zielgruppen sind häufig auf eine Institution und ihr Umfeld (z.B. eine Hochschule) oder auf eine Region (Land, Stadt, Gemeinde usw.) beschränkt. Die Bibliothekskunden einer Stadtbibliothek interessiert es kaum, ob die neue Dienstleistung in einer anderen Stadt ebenfalls angeboten wird und dort abgeschaut wurde. Oder die Nutzerin einer Universitätsbibliothek kümmert es wenig, ob ein neuer Service an einer anderen Universität entwickelt wurde und dort schon früher zur Verfügung stand. Es gibt zwar schon einen gewissen Druck, gegenüber anderen Bibliotheken nachzuziehen, weil auch die Nutzerinnen und Nutzer Vergleiche anstellen können. Aber es besteht kaum die Erwartung, dass Bibliotheken neue Technologien erfinden oder als weltweit erste Institution einsetzen. Deshalb können sich Bibliotheken kaum als Pioniere oder sogenannte First Mover definieren, sondern allenfalls als frühe Anwender einer neuen Technologie, also sogenannte Early Adopters.

Das heißt nun für kleinere Bibliotheken, dass es auch für sie durchaus möglich ist, Innovationen zu realisieren. Man darf also bei den Großen oder bei anderen Bibliotheken abschauen und gute Ideen übernehmen. Damit ist die Hürde für Innovationen auch in kleineren Bibliotheken nicht mehr ganz so hoch.

Inwiefern macht ein Innovationsmanagement Sinn? Ich habe schon mehrfach in Diskussionen das Argument gehört, man könne Innovation ja nicht organisieren.

Bild

Abb.1: Screenshot einer Twittermeldung der SuUB Bremen

Für den kreativen Vorgang des Ideenfindens mag dies gelten. Hier geht es vor allem darum, dass man Zeit hat und den Raum, um weg vom hektischen Alltag neue Impulse zu erhalten. Aber wie ich eingangs erwähnt habe, ist Innovation mehr als nur das Finden neuer Ideen. Es geht darum, dass aus diesen Ideen erfolgreiche neue Dienstleistungen und Produkte entwickelt werden. Und hier bietet das Innovationsmanagement den geeigneten Rahmen. Wobei – und hier finde ich die kritische Sicht wiederum wichtig – darauf geachtet werden muss, dass das Innovationsmanagement nicht zu einer bürokratischen Übung verkommt, die eher gute Ideen abwürgt als sie bei der Umsetzung unterstützt. Auf die Methoden des Innovationsmanagements möchte ich hier nicht ausführlicher eingehen, das wurde an anderer Stelle bereits getan.[4] Was kann man aber von diesen an den großen Bibliotheken entwickelten Methoden und Konzepten für kleinere Bibliotheken ableiten? Ich denke, es gibt hier doch einige Grundsätze, die für (fast) alle Bibliothekstypen adaptierbar sind.

Ein wichtiges Element des Innovationsmanagements stellt der Innovationsprozess dar. Entscheidend ist dabei, dass zunächst möglichst viele Ideen gesammelt werden, die guten und erfolgsversprechenden ausgewählt und dann zu neuen Produkten und Dienstleistungen umgesetzt werden. Bei der Ideensuche dienen sowohl Vorschläge von Mitarbeitenden als auch von Kundinnen und Kunden als Basis. Ob man die Ideen der Mitarbeitenden nun in einem kleinen Team regelmäßig bespricht oder ob man dafür in einer größeren Bibliothek bestimmte Kommunikationskanäle definiert, spielt keine entscheidende Rolle. Man muss nur dafür sorgen, dass die Ideen tatsächlich besprochen werden und dass entschieden wird, wer für die Umsetzung verantwortlich ist.

Kundinnen und Kunden kann man auf unterschiedlichste Arten einbeziehen. Was bei den großen Bibliotheken heute unter dem Namen Open Innovation teilweise schon gemacht wird,[5] können auf informellere Weise auch kleinere Institutionen tun. Man kann Kunden zu Workshops einladen und mit ihnen über mögliche neue Dienstleistungen diskutieren, man kann ihre Meinung über Umfragen einholen, die Beschwerden auswerten oder Wettbewerbe veranstalten. Kleinere Bibliotheken haben hier den Vorteil, dass sie meist sehr nah an den Kunden sind und dass informelle Kanäle genutzt werden können.

Wie man das Innovationsmanagement organisatorisch umsetzt, ist bei kleineren Bibliotheken eher eine theoretische Frage. Selbst bei den großen Institutionen wird diese Aufgabe gerne mit weiteren Funktionen verbunden. Geeignet scheinen mir hier vor allem Produktmanagement, Projektmanagement oder Kommunikation. In kleineren Bibliotheken dürfte eine Person mit einem gewissen Arbeitspensum mit der Verantwortung für Innovation, bzw. für den Innovationsprozess betraut werden. Ideen einbringen sollen aber weiterhin alle Mitarbeitenden.

Wenn man Bibliotheken befragt, welches denn die entscheidenden Erfolgsfaktoren für Innovation sind, wird meistens eine offene Kultur genannt.[6] Dabei spielen natürlich die Vorgesetzten und Bibliotheksleitungen die entscheidende Rolle. Wichtig ist zudem die Eigenmotivation der Mitarbeitenden. Nicht-materielle Anreize stehen für diese im Vordergrund, also eher Lob und Anerkennung als finanzielle Belohnung. Vielversprechend scheinen mir auch unkompliziert vergebene Fördermittel, wie der Wettbewerb „Leuchtturmprojekte an Medizinbibliotheken“[7] oder der Kantonale Bibliothekspreis der Aargauischen Gebäudeversicherung im Kanton Aargau/Schweiz, um nur zwei Beispiele zu nennen. Solche lokale Initiativen können wichtige Impulse verleihen und sind zur Nachahmung empfohlen.

Wie man eher zögerliche Mitarbeitende für Veränderungen und Innovation gewinnen kann, wäre eher Stoff für ein eigenes Buch als für diese Kolumne. Womit wir zum Abschluss bei den innovationshemmenden Faktoren wären. Hier werden in erster Linie die fehlenden Ressourcen genannt. Wobei man unterscheiden muss zwischen fehlenden Finanzmitteln und knappen Personalressourcen. Letzteres ist tatsächlich eine Knacknuss: die neuen Dienstleistungen müssen meist mit dem bestehenden Personal entwickelt und dann auch betrieben werden. Es liegt somit auf der Hand, dass man im Gegenzug auf bisherige Dienstleistungen verzichten muss – und dieser Entscheid fällt nicht leicht. Im Gegensatz dazu sind reduzierte Finanzmittel nicht unbedingt innovationshemmend[8] – aber das sollten wir wohl besser für uns behalten… Aber der Effekt einer Budgetkürzung kann eben auch darin bestehen, dass die Bereitschaft wächst, alte Zöpfe abzuschneiden und mit mehr Kreativität Neues zu schaffen.

Innovation auch für kleinere Bibliotheken? Ich kann die Frage bejahen – entscheidend scheint mir die Bereitschaft, alte Wege zu verlassen, offen zu sein für Neues und sowohl Mitarbeitende wie auch Kunden in die Entwicklung mit einzubeziehen.

 

 

 

 

 

[1] Georgy, U. & Mumenthaler, R., 2012. Praxis Innovationsmanagement. In U. Georgy & F. Schade, eds. Praxishandbuch Bibliotheks- und Informationsmarketing. München: De Gruyter, pp. 319–340.

[2] Georgy, U., 2010. Erfolg durch Innovation: Strategisches Innovationsmanagement in Bibliotheken und öffentlichen Informationseinrichtungen, Wiesbaden: Dinges & Frick. Für die Schweiz wurde das Thema im Rahmen einer Master-Arbeit untersucht: Habermacher, B., 2013. Innovationsmanagement an Schweizer Hochschulbibliotheken. Unveröffentlichte Master-Arbeit (MAS), HTW Chur.

[3] Dudli, M., 2014. Open Innovation in Bibliotheken. Eine Konzeptstudie zuhanden der ETH-Bibliothek Zürich. (Churer Schriften zur Informationswissenschaft; 65, hg. von W. Semar & B. Lutz), Chur: HTW Chur, S.64.

[4] Vgl. dazu die bereits zitierten Publikationen von Georgy (2010) und Georgy/Mumenthaler (2012).

[5] Fingerle, B., 2012. Innovation zum Mitmachen: Die Open-Innovation-Kampagnen der ZBW. Bibliothek Forschung und Praxis, 36(3), pp.346–352.

[6] Vgl. dazu eine Arbeit im Rahmen des Masterstudiums an der HTW Chur von Hüppi, Roland; Mattes, Caroline (2013): Innovation in Öffentlichen Bibliotheken der Deutschschweiz. Unveröffentlichtes Praxisprojekt im Master HTW Chur.

[7]Hentschel, H.: Wettbewerb „Leuchtturmprojekte an Medizinbibliotheken“ 2013: Würdigung der Preisträger. In: GMS Med Bibl Inf 2013;13(3):Doc20; doi: 10.3205/mbi000284

[8] Das zeigt zum Beispiel Jantz am Beispiel US-amerikanischer Bibliotheken: Jantz, Ronald C. (2012): Innovation in academic libraries: An analysis of university librarians’ perspectives. In: Library & Information Science Research, Band 34, Ausgabe 1, 1.2012, S. 3–12

 

 

 

10. April 2014 at 15:20 Hinterlasse einen Kommentar

Social Reading – die Zukunft des Lesens

Dieser Beitrag von Melanie Kleist und Cordula Nötzelmann erschien im Rahmen der Zukunftswerkstatt-Kolumne in: Bibliotheksdienst, Heft 3/4 2014

Die Zukunft des Lesens

 

“Die Zukunft des Lesens ist browserbasiert”. – Sascha Lobo

Social Reading ist ein Begriff, der seit einiger Zeit im Zusammenhang mit der Rezeption digitalen Contents genannt wird. Er beinhaltet einerseits einen Funktions- und Kommunikationstransfer herkömmlicher Literaturkreise bzw. individueller Leseerfahrungen in eine Online-Umgebung, andererseits aber auch die technische Unterstützung von Leseprozessen durch “soziale” Anwendungen, wie zum Beispiel das Teilen markierter Textpassagen und online abgegebener Kommentare zum Gelesenen. Verschiedene e-Reader ermöglichen dabei heute, je nach Hersteller und dahinter stehender Verlagsgruppe, unter Umständen bereits die direkte Verbindung vom ebook-Reader zu den sozialen Netzwerken und Social-Reading-Online Communities. Zu nennen sind hier z.B. die Lesecommunities von Amazon (goodreads mit 20 Mio. Mitgliedern), Kobo und Readmill für verschiedene mobile Endgeräte sowie die Plattform LovelyBooks mit rund 80.000 Nutzern.

 

LovelyBooks http://www.lovelybooks.de/

 

Hinter LovelyBooks steht die Holtzbrink-Gruppe. Sie ist in erster Linie eine Plattform für Leserinnen und Leser, kann aber auch von Autoren und Autoriinnen dazu genutzt werden, die Vermarktung ihrer Bücher anzuregen. Auf der seit 2006 existierenden Plattform kann man sich ein eigenes Bücherregal nachbauen. Möglich ist es auch, anzugeben, welches Buch man gerade liest oder Bücher, die einen interessieren, können auf eine Wunschliste gesetzt werden. Um eben diese zu finden, gibt es ganz klassisch Themengebiete zum Stöbern. Ebenfalls nach altbewährtem Prinzip kann für ein Buch eine Sterne-Bewertung und/oder eine Rezension geschrieben werden. Daraus ergeben sich dann diverse Bestenlisten.

 

Hat man sich gerade ein neu erschienenes Buch zugelegt, kann man dieses in der Datenbank heraussuchen und zu seinem Bücherregal hinzufügen. Oft eröffnen der Verlag oder gar die Autorin/der Autor selbst eine Leserunde zu dem Buch. In der Regel gibt es dazu dann auch eine Verlosung, um gleich Mitglieder für diese Leserunden zu generieren. In den Leserunden kann dann über bestimmte Abschnitte aus dem Buch diskutiert werden. Leser selbst können ebenfalls Leserunden anlegen, was häufig bei etwas älteren Büchern der Fall ist.

 

Um den Leser mehr Möglichkeiten zur Interaktion rund um das Buch zu geben, steht es Autoren  oder dem Verlag auch offen, eine Verbindung zu dem Netzwerkauftritt auf der eigenen Website einzubetten. Man kann sich auch in verschiedenen Gruppen zu einzelnen Autoren, Themen, Genres usw. bewegen. Und sollte man mal die Lust verspüren, sich mit einigen der Menschen hinter den Accountnamen von Angesicht zu Angesicht unterhalten zu wollen, kann man sich in die Ortsgruppen eintragen und einfach mal zum nächsten Stammtisch in der Nähe gehen.

Die Lesevorschläge begrüßen einen schon beim Aufruf der Seite

Buchverlosungen gehören mittlerweile  zu Leserunden dazu

Das Thema Social Reading wurde bei der Frankfurter Buchmesse 2013 in Kooperation mit dem Berufsverband BIB in einem gemeinsamen anderhalbstündigen Symposium behandelt.

Während Goodreads und LovelyBooks das Lesen und Kommentieren separat unterstützen, gehen neuere Plattformen dazu über, beide Aktivitäten gleichzeitig zu erlauben. Ein Beispiel für dieses “Social Reading 2.0” sei zum Beispiel die von Sascha Lobo auf der Frankfurter Buchmesse vorgestellte Plattform Sobooks.

 

Sobooks http://sobooks.de

Etwas weiter als die bisherigen Social Reading-Plattformen will, wie gesagt, das noch junge Sobooks gehen. Am 9. Oktober 2013 gestartet, befindet sich das Netzwerk noch bis zur Leipziger Buchmesse 2014 in einer Closed-Beta-Phase. Auf dieser Plattform kann man nicht nur Bücher oder Abschnitte kommentieren und diskutieren, man kann –  dadurch dass das ganze Buch über die Plattform verfügbar ist –  einzelne Textpassagen direkt auf der Seite ansteuern, in andere Netzwerke verlinken oder zitieren. Aus technischen Gründen ist eben diese attraktive und wegweisende Funktion allerdings vorerst nur über den Browser möglich. Zum Lesen können die e-Books auch als EPUB oder PDF erworben werden. Die Seite ist in diesem Sinne auch eine Verkaufsplattform – Verlage, Agenten, Kuratoren und natürlich die Autoriinnen und Autoren sind gerne gesehen. Auch verlagssuchende Autoren können hier ihre Bücher selbst vermarkten. Auch wenn die Plattform noch jung und klein ist, so zeigt sie doch viel Potenzial, was bereits viele namenhafte Verlage mit ihrer Partnerschaft unterstreichen. Man darf also auf die Präsentation in Leipzig gespannt sein!

VIel Potenzial hat Sobooks – bleibt zu hoffen, dass zum Start alles klappt.

Spannend wird es sein zu sehen, was die weitere Entwicklung von Social Reading Plattformen für den Umgang mit Digital Rights Management- und Format-Beschränkungen bedeutet. Ob und welche Zukunftsaufgaben sich im Hinblick auf inhaltliche, beratende oder organisatorische Tätigkeiten für Bibliotheken ergeben könnten, blieb auf dem Symposium offen.

Fast schon klassisch scheint angesichts der Entwicklung auf dem Gebiet des Social Readings die Einbindung von ähnlichen, wenn auch abgespeckteren Rezensionstools in die Bibliothekskataloge, z.B. durch die Nutzung von Library Thing for Libraries. Bibliotheksveranstaltungen mit Bezug zur jeweiligen Nutzerschaft (“community”) bleiben auch in Zukunft relevant; Social Reading Plattformen wären in der Lage, sowohl in öffentlichen wie auch wissenschaftlichen Bibliotheken innovative Formate zu etablieren, die bisherige Leseförderungsprogramme unterstützen, den gemeinschaftlichen Austausch – beispielsweise über “Das Buch für die Stadt” – abwickeln oder auch den wissenschaftlichen Exkurs durch Annotation und Kommentierung von Lehrbüchern im universitären Umfeld fördern können. Aber auch für die Lektoratsarbeit und den Auskunftsdienst können Social-Reading-Dienste interessant werden. Weiterführende Fragen beantworten gerne:

 

Melanie Kleist, Bibliothek des Instituts für Turkologie an der FU Berlin und Zukunftswerkstatt

Cordula Nötzelmann, Stadtbibliothek Köln und Zukunftswerkstatt

zukunftsentwickler@zukunftswerkstatt.org

 

1. April 2014 at 19:32 1 Kommentar

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