BibCraft – Wie moderne Bibliotheken mit Computerspielen arbeiten können

24. Dezember 2013 at 14:12 2 Kommentare

Dieser Beitrag von Kelvin Autenrieth erscheint in gedruckter Form
im Rahmen der Zukunftswerkstatt-Kolumne in: Bibliotheksdienst 12/2013

Kelvin

Kelvin Autenrieth ist freischaffender Game Designer und Projektentwickler. Für die Zukunftswerkstatt beschreibt er aus außerbibliothekarischer Perspektive, aber am Beispiel bibliothekarischer Praxis, welches Potenzial der Spieleklassiker Minecraft für die Programmarbeit hat. Als Mitbegründer der Facebookgruppe Games4Culture sucht er nach Wegen und Mitteln um Bibliotheksangebote so zu bereichern, dass er diese gerne besuchen würde, wenn er noch einmal jung wäre. Kontakt zum Autor: autenrieth@edu-gaming.de

Bibliotheken und Gaming

Klassische Bibliotheken haben es nicht leicht in der heutigen Zeit. Ebooks, Online-Enzyklopädien, Streaming-Dienste. Es scheint, als würde sich die klassische Bestandsarbeit nach und nach in Luft auflösen. Und auch wenn Bibliotheken schon heute eine Vielzahl an Services und Aktivitäten anbieten, die weit über die Bestandsarbeit hinausgehen, liegt es nur nahe, nach weiteren Betätigungsfeldern, um nicht zu sagen, „Daseinsberechtigungen“ zu suchen. Computerspiele scheinen auf den ersten Blick einen Ausweg zu bieten. So sind sie nicht nur bei Kindern und Jugendlichen äußerst beliebt, auch handelt es sich um das komplexeste und vielfältigste Medium in der Menschheitsgeschichte. Mit Games wird mehr Geld umgesetzt als mit Filmen, es treten zunehmend mehr „Serious Games“ auf die Bildfläche und Diskussionen um das „Kulturgut Games“ und die „Bildungspotenziale von Computerspielen“ nehmen ebenfalls rapide zu. Sind Games also auch für Bibliotheken DAS Medium?

Games: Bestandsarbeit war gestern

Zwar erweist sich das Ausleihen von insbesondere kindgerechten Spielen auf den beliebten Nintendo-Plattformen durchaus als erfolgreich, doch endet der Weg über die klassische Bestandsarbeit unweigerlich in einer Sackgasse: Digitale Distribution, Kontobindung, Einmalaktivierung, Onlinezwang. In einigen Jahren wird nur noch ein Bruchteil aller Spiele zu verleihen sein.

Doch viele Wege führen nach Rom, und somit bestehen auch hier Möglichkeiten, wie Bibliotheken nicht nur der Gaming Kultur Rechnung tragen können, sondern auch dafür ein Ort der Begegnung werden können. Dazu muss jedoch der Glaube daran fallen gelassen werden, dass es hier hinreichend ist, einfach nur die neuesten Super Mario Spiele im Regal stehen zu haben.

Der Kerngedanke hierbei ist, dass Bibliotheken Spielern etwas bieten, was sie Zuhause vor ihren Konsolen oder ihrem PC nicht erleben können. Und diese unique experience (ein Begriff, den der US-amerikanische Bibliothekar und Gaming-Experte Eli Neiburger geprägt hat) besteht in der Projektarbeit. Die Frage ist also, wie die Möglichkeiten und Kompetenzen einer Bibliothek derart eingesetzt und erweitert werden können, damit sich Gamer (und andere) nicht dafür entscheiden, an ihren heimischen Geräten festzusitzen, sondern sich sagen „Lass doch mal in die Bib gehen, die machen da coole Sachen“. Zukunftsmusik? Vielleicht. Wie so ein Projekt aussehen kann, dass skizziert BibCraft.

BibCraft?

Was kommt heraus, wenn das populäre Computerspiel Minecraft und die klassische TV-Sendung Montagsmaler miteinander kombiniert und in einer Bibliothek aufgeführt werden? BibCraft! Hier treten Teams an und bauen bekannte Bücher, Filme oder Computerspiele nach. Dabei müssen sie Teamgeist, Kreativität und Abstraktionsvermögen beweisen; nur so kann durch das mit ratende Publikum eine möglichst hohe Punkteanzahl erreicht werden.

Das Spiel Minecraft war ein regelrechter Überraschungserfolg. Von einer Einzelperson entwickelt und in völlig veralteter Grafik daherkommend, wurde es in kürzester Zeit zu einem Hit. Mittlerweile hat es sich über 20 Millionen Mal verkauft und ist auf fast allen Plattformen spielbar.[1] Davon können selbst die Hersteller bekannter Titel nur träumen. Das Spielprinzip ist ebenso schlicht wie einzigartig: In einem freien Spiel kann der Spieler mit verschiedenen Klötzen Gebilde bauen. Dabei wird ihm kein Ziel vorgegeben. Es liegt alleine an ihm zu entscheiden, was er errichten möchte. Ob einfache Häuser, umfangreiche Burgen oder eine Nachbildung des Raumschiffs Enterprise – der Fantasie sind keinerlei Grenzen gesetzt, wie die Spieler gewissermaßen im LEGO der digitalen Generation tagtäglich unter Beweis stellen.

Auch das Prinzip von Montagsmaler ist ebenso einfach wie zeitlos: Klassisch treten Teams gegeneinander an und müssen dabei gemalte Begriffe erraten. In den 1970er Jahren war es in einer TV-Show bekannt geworden, und bis heute erfreut sich das Spiel bei Alt und Jung als Partyunterhaltung größter Beliebtheit.

Hier tut sich die Verbindung zum Spiel Minecraft auf. Nun wird allerdings nicht gemalt, sondern gebaut! Die Spieler müssen hierbei mit Hilfe von virtuellen Bauklötze Begriffe darstellen. Das Team bekommt eine kurze Vorbereitungszeit zugestanden. Ideen werden abgesprochen, Aufgaben verteilt: Wie bauen wir möglichst schnell ein Auto? Wie lässt sich Liebe symbolisieren? Wie kann Goethes “Faust” dargestellt werden? Das Team muss koordiniert vorgehen, damit ihr Bauwerk schnell vom Publikum erraten wird.

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Abb.1: Training für das Montagsmaler-Event in Wolfsburg. Foto: Uwe Nüstedt

Rund um das Thema „Bibliothek“ lässt sich eine Vielzahl an Kategorien vorgeben: Zunächst natürlich „bekannte Werke“ wie etwa „Der Herr der Ringe“, „Wilhelm Tell“ oder „Dracula“. Um dem multimedialen Angebot einer modernen Bibliothek gerecht zu werden, können Filme (Matrix, The Green Mile, Das Boot), Musik (Stairway to Heaven, Yellow Submarine, Another Brick in the Wall) und Computerspiele (Pong, Tetris, Super Mario) hinzutreten. Doch auch Comics (Batman, Die Schlümpfe, Asterix und Obelix), Märchen (Schneewittchen und die sieben Zwerge, Die goldene Gans, Rapunzel) oder klassische Gesellschaftspiele (Schach, Die Siedler von Catan, Monopoly) lassen sich in Minecraft darstellen – auch hier können die Teilnehmer ihrer Fantasie freien Lauf lassen!

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Abb. 2: Gesucht wird ein bekanntes Märchen

Einsatzmöglichkeiten

BibCraft kann in unterschiedlichen Versionen eingesetzt werden. Es kann als Event, als reguläres Bibliotheksangebot oder als Online-Wettkampf stattfinden.

Als einmaliger Event findet es in einem bestimmten Rahmen statt, etwa zu einem Jubiläum oder einem Themenabend.[2] Die Verwendungsmöglichkeiten sind derart breit gefächert, dass sich durch eine Fokussierung bestimmter Begriffsbereiche schnell Schnittstellen bilden lassen. Wenn also ein Themenabend zu Klassischer Literatur, kritischen Kriegsfilmen oder Neuen Medien stattfindet, so kann BibCraft jeweils darauf angepasst werden. Dabei geht es weniger um eine Vermittlung von Faktenwissen, sondern um eine spannende und kreative Begegnung zwischen Spielern und Nicht-Spielern, die darüber hinaus durch ihren interaktiven Charakter einen großen Unterhaltungswert besitzt.

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Abb. 3: Es könnte sich um einen Songtitel handeln.

Als Bestandteil eines regelmäßigen Angebots einer Bibliothek kann durch BibCraft erreicht werden, dass auch junge „digitalisierte“ Menschen gerne die Bibliothek aufsuchen. Geschultes Personal vorausgesetzt, können allerlei Vorhaben mit dem Spiel umgesetzt werden: Ob interne Wettbewerbe, Themenabende oder auch anderweitige Verwendungen von Minecraft; es gibt viel zu spielen, zu entdecken und zu lernen.[3] Neben den rein kreativen Auseinandersetzungen bietet das Spiel nicht nur Potenzial zu kooperativ-kompetitiven Verwendungen, sondern auch Raum um sich Grundlagen der Gestaltung, Programmierung oder gar Städteplanung spielerisch zu erarbeiten.[4]

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Abb. 4: Gesucht wird ein Begriff aus der Kategorie “Bekannte Brettspiele”

BibCraft wird ebenso als ein Online basierter „interbibliothekarischer“ Wettkampf konzipiert. Dabei treten verschiedene Minecraft Teams der teilhabenden Bibliotheken regelmäßig gegeneinander an und bauen um die Wette. Durch eine zentrale Server-Architektur sowie eine Moderation können die Teams der Bibliotheken gegeneinander antreten. Dieser Online-Wettkampf dient ebenso der Vernetzung deutscher Bibliotheken, besitzt das Potential zur intergenerativen Integration und zeigt dabei zudem, wie moderne Wissensvermittlung, Bibliotheksarbeit und gemeinsames spielerisches Erleben Hand in Hand gehen können.

[1] vgl. http://www.onlinewelten.com/games/minecraft/news/pc-verkaufszahlen-knacken-marke-12-millionen-122943/

[2] Beispiele für anlassbezogene Minecraft-Workshops bietet die Stadtbibliothek Wolfsburg: http://stadtbibliothekwolfsburg.wordpress.com/tag/minecraft/ bzw. http://stadtbibliothekwolfsburg.wordpress.com/2013/10/07/da-staunt-ihr-bauklotze/ zur Jubiläumsveranstaltung “Da staunt Ihr Bauklötze!”

[3] vgl. Medienpädagogik Praxisblog: http://www.medienpaedagogik-praxis.de/2012/06/14/tutorialwelt-fur-minecraft-projekte/

[4] Die Medienpädagogik hat Minecraft daher bereits seit einiger Zeit für Projekte entdeckt: http://www.medienpaedagogik-praxis.de/2012/11/27/lego-minecraft/

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