Makerspaces – eine Bewegung erreicht Bibliotheken

29. November 2013 at 17:18 6 Kommentare

Dieser Beitrag von Cordula Nötzelmann erscheint in gedruckter Form
im Rahmen der Zukunftswerkstatt-Kolumne in: Bibliotheksdienst 11/2013

Museen tun es, Schulen tun es, Gemeindeeinrichtungen tun es, Bibliotheken bieten ihn schon lange – einen Ort, der es den Besuchern erlaubt, selbst kreativ zu sein und sich auszuprobieren: Videoschnittplätze, Film-Workshops, Multimedia-Labore, Roboter-Workshops und ähnliches ergänzen teilweise schon seit den 1990er Jahren die Programmarbeit und das Standardangebot vieler Bibliotheken. Auch die klassische Bastel-, Musizier- oder Strickstunde öffentlicher Bibliotheken geht natürlich bereits in die Richtung, die das gemeinschaftliche Werken, gegenseitiges Helfen beim Ausprobieren von verschiedenen Techniken und Materialien an einem öffentlichen, der Gemeinschaft gewidmeten Raum fördert.

Doch es ist etwas[1] passiert: 2013 scheint das Jahr der 3D-Drucker in öffentlichen Bibliotheken zu sein, und Bibliotheken in aller Welt[2] befassen nun auch strategisch mit der Makerspace-Idee des 21. Jahrhunderts. Die zunehmende Virtualisierung ehemals gedruckter Bibliotheksbestände und die Online-Verfügbarkeit klassischer Bibliotheksdienstleistungen schaffen hierfür beste Voraussetzungen.

Frei werdende Flächen können umgenutzt und – der Bibliothek als Ort entsprechend –  der Community zur Verfügung gestellt werden. Vorhandenes Know-How der Bibliotheksmitarbeiterinnen und -mitarbeiter wird abgerufen oder auch neu aufgebaut, um Bibliotheksbesucher zu beraten und vermehrt öffentliche Räume zu schaffen, in denen Wissen unter kundiger Anleitung nicht nur konsumiert, sondern auch produziert und kreativ angewendet werden kann.

An solchen zumeist FabLab, Hackerspace oder Makerspace genannten Orten[3] können die Bibliotheksbesucher allein, unter Anleitung oder gemeinsam mit anderen neue Technologien und Werkzeuge testen, sich eine Meinung bilden, an innovativen Entwicklungen partizipieren, neue Kompetenzen entwickeln und die selbst erstellten Produkte verwenden oder (digital oder analog) weiterverarbeiten. Viele Bibliotheken, die sich mit der Maker-Idee befassen, haben sich daher für die Beschaffung eines 3D-Drucker entschieden. Anders als ein herkömmliches Kopiergerät, das selbstverständlich in den meisten Bibliotheken anzutreffen ist, erfordert der Vorgang des 3D-Druckens Vorwissen im Bereich 3D-Design und die Auseinandersetzung mit einer für viele faszinierenden Art der Produktion von Alltagsgegenständen. Die hohe Nachfrage bei allen Altersgruppen zeigt, dass Kultureinrichtungen hier einen Informationsbedarf decken. Ähnlich anwendungsbezogene Möglichkeiten, für die sich sehr viele Menschen interessieren, finden sich im Bereich digitaler Musik und Entwicklungen im TV-Sektor. Streaming und „On demand“-Lösungen sind Vertriebswege, die es für Bibliotheksbestände noch nicht gibt – dennoch können sie durch einen Makerspace in der Bibliothek präsent sein.

Die Chattanooga Public Library, Arbeitsstätte des Zukunftsentwicklers Justin Hoenke, verfügt über einen ausgedehnten Makerspace, der nicht nur die technische Ausrüstung bereithält, sondern auch verschiedene Aktionen und Programme, z.B. Maker Days, veranstaltet.[4] Berühmtheit erlangt hat auch der 2012 eröffnete Makerspace der Westport Public Library in Connecticut.[5] Im Blog des Library as Incubator Project[6] können weitere Makerspace-Aktivitäten zumeist US-amerikanischer Bibliotheken nachgelesen werden. In deutscher Sprache informiert der Blog bibliothekarisch.de[7] über aktuelle Entwicklungen. Die Hauptbibliothek in Aarhus, deren Fertigstellung für das kommende Jahr angekündigt ist, hat sich im großen Stil der Makerspace-Idee verschrieben. Die Kooperation mit dem Open Space Aarhus wird dann intensiviert werden.[8] Als großes öffentliches Bibliothekssystem in Deutschland hat dieses Jahr die Stadtbibliothek Köln einen Musik- und Makerspace eröffnet.[9]

Makermap

themakermap.com: Ausschnitt: Europa

 

Doch dass auch kleinere Bildungseinrichtungen nicht ohne Makerspace auskommen müssen, zeigen Beispiele von US-amerikanischen Schulbibliotheken.[10] Eine Realschule aus dem Stuttgarter Raum machte 2013 auf den Messen Make Munich und Gamescom im Rahmen des Jugendforums NRW auf sich aufmerksam, wo sie ihr Pilotprojekt 3D-Druck an Schulen präsentierte und Workshops durchführte.[11]

Makerspaces als weithin sichtbare Konsequenz aus aktuellen Entwicklungen des Medienmarktes werden in Bibliotheken überwiegend aus Drittmitteln finanziert und in Projektzusammenhängen etabliert. Diesen Bibliotheken ist gemeinsam, dass sie sich dabei selbst als Experimentierfeld begreifen, ihren Besucherinnen und Besuchern einen Einblick in aktuelle Strömungen geben wollen und den kurzen Entwicklungszyklen im Bereich neuer Technologien mit Interesse und Offenheit entgegen sehen. Es wird spannend sein zu sehen, welche weiteren Möglichkeiten es für Bibliotheken gibt, ihren Besucherinnen und Besuchern attraktive Angebote zu machen, während die Bedeutung des gedruckten Bestandes schwindet.

Cordula Nötzelmann, Stadtbibliothek Köln und Zukunftswerkstatt

Kontakt: cordula.noetzelmann@zukunftswerkstatt.org

Alle Webadressen wurden zuletzt geprüft am 26.08.13

 


 

[1] Das US-amerikanische Institute of Museum and Library Services spricht in einem Paper aus dem September 2012 von einer „explosionsartigen“ Verbreitung der aus Sicht des IMLS förderungswürdigen Makerspace-Bewegung im Bereich der Museen und Bibliotheken: http://www.imls.gov/assets/1/AssetManager/Makerspaces.pdf, S.1

[2] Die NextLibrary-Konferenz in Aarhus befasste sich im Juni 2013 mit innovativen Bibliothekskonzepten, u.a. makerspaces. Sie wurde von 350 Teilnehmern aus 38 Ländern besucht: http://www.nextlibrary.net. Eine Karte von existierenden Makerspaces aller Branchen findet sich hier und kann ergänzt werden: http://themakermap.com/ – Bibliotheken sind spärlich vertreten, während Co-working Areas (vgl. Zukunftswerkstatt-Interview mit Karin Passig in: Bibliotheksdienst Heft 10/2013) relativ häufig in Verbindung mit Makerspaces anzutreffen sind.

[3] Vgl. http://oedb.org/ilibrarian/a-librarians-guide-to-makerspaces/

[4] http://4thfloor.chattlibrary.org/

[5] http://westportlibrary.org/services/maker-space

[6] http://www.libraryasincubatorproject.org/?tag=makerspace

[7] http://bibliothekarisch.de/blog/tag/maker-space/

[8] http://hackerspaces.org/wiki/Open_Space_Aarhus

[9] http://www.stadt-koeln.de/5/stadtbibliothek/bibliotheken-archive/zentralbibliothek/die4/

[10] Einen Überblick gibt http://www.makerspace.com, hier findet sich auch das Makerspace Playbook mit umfassenden Informationen zur Einrichtung von Makerspaces.

[11] http://www.rsgueglingen.de/3d/

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6 Kommentare Add your own

  • 1. Makerspaces und 3D-Druck | digithek blog  |  29. November 2013 um 23:16

    […] der Zukunftswerkstatt wird über “Makerspaces – eine Bewegung erreicht Bibliotheken” berichtet. Darin werden u.a. 3D-Druck-Projekte in Schulen […]

  • 2. Jörg  |  2. Dezember 2013 um 10:43

    „Makerspace“ schön und gut, aber mir ist wirklich nicht klar, was ein 3D-Drucker in Bibliotheken verloren hat. Müssen wir jedes neue techn. Gimmick anbieten? Gibt es denn auch schon Fahrrad-, Auto- od. Motorradreparaturwerkstätten in Bibliotheken, Holzbearbeitungswerkzeuge zum Ausprobieren (Schreinerei) eine Esse (Schmiede) etc.? Was hat ein 3D-Drucker mit dem Auftrag der Bibliotheken zu tun? Od. wird da krampfhaft versucht, neue Legitimationen für aufzuwendende Steuermittel zu finden? Tut mir leid, aber ich finde das reichlich daneben und nicht eben sinnvoll od. hilfreich. Es gibt viele andere Aufgabenfelder, auf denen wir uns profilieren können und die unseren ursprünglichen Aufträgen eher gerecht werden. Diese „Makerspaces“ wären vielleicht etwas für vhs od. Bürgeruni, Schul- und Weiterbildungszentren, aber Bibliotheken? Da müssen bessere Argumente kommen, damit das nachvollziehbar wird.

  • 3. Cordula Nötzelmann  |  2. Dezember 2013 um 11:16

    Lieber Jörg,

    vielen Dank für Ihren Beitrag! Seit Redaktionsschluss der gedruckten Kolumne hat das Thema 3D-Druck weiter Furore gemacht, so dass ich hier die Gelegenheit habe, noch etwas Aktuelles beizusteuern.

    Letzthin wurde in der letzten Sendung von PlusMinus die 3D-Drucktechnologie als möglicher neuer Meilenstein in der Industriellen Revolution betitelt. Könnte es nicht Auftrag einer öffentlichen Bibliothek, dass zu solchen und ähnlichen entscheidenden Entwicklungen Menschen in öffentliche Bibliotheken kommen können, um sich zu informieren und sich ein Urteil zu bilden? Schon bald, so wird vermutet, wird die Technologie noch sehr viel verbreiteter sein. Dann kann es zum Service der öffentlichen wie wissenschaftlichen Bibliothek gehören, ihren Kunden nicht nur einen Kopierer oder Scanner zur Vervielfältigung vorzuhalten, sondern auch 3D-Drucker und -scanner.

    Dass solche Angebote das Hauptgeschäft – Leseförderung und andere kulturelle Angebote – lediglich ergänzen, sollte sich von selbst verstehen.

    Es gibt natürlich immer unterschiedliche Auffassungen, was der Auftrag einer Bibliothek ist. Die Bibliotheken, die sich selbst als Dienstleister ihrer Kommune/ ihrer Einrichtung und als Plattform für den gemeinsamen Wissensaustausch sehen und sich gesellschaftlichen und technischen Weiterentwicklungen gegenüber öffnen, haben der Bevölkerung oder Nutzern sicherlich auf Dauer einen Mehrwert an Informations- und Wissensvermittlung zu bieten.

  • 4. Gelesen in Biblioblogs (48.KW’13) | Lesewolke  |  2. Dezember 2013 um 13:18

    […] geht des in den Bereichen von Bibliotheken zu, die sich Makerspace oder ähnlich nennen. In einem Beitrag zeigte die Zukunftswerkstatt Beispiele dafür und erklärte den Sinn der Makerspaces, denn dort “können die […]

  • […] Die Diskussion über Makerspaces und FabLabs (fabrication laboratories) in Bibliotheken wird auf vielen Ebenen geführt. Eine kurze Übersicht findet sich bei Cordula Nötzelmann unter https://zukunftswerkstatt.wordpress.com/2013/11/29/makerspaces/. […]

  • 6. Makerspaces und 3D-Druck | digithek blog  |  22. November 2014 um 16:22

    […] der Zukunftswerkstatt wird über “Makerspaces – eine Bewegung erreicht Bibliotheken” berichtet. Darin werden u.a. 3D-Druck-Projekte in Schulen […]

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