Von Baumärkten und Selbstschrauberwerkstätten – Über die Kooperation von Stadtbibliothek und CoWorkingSpace/Schiller40 in Wolfsburg

1. November 2013 at 00:12 2 Kommentare

“Digitale Arbeitswelten”, das ist das Thema, mit dem sich die Zukunftswerkstatt in diesem Jahr eingehend beschäftigt. Im aktuellen Bibliotheksdienst (Heft 10, 2013) und hier im Blog befragte Julia Bergmann bereits die Schriftstellerin, Journalistin und Programmiererin Kathrin Passig zu ihren Erfahrungen mit neuen digitalen Arbeitsformen wie CoWorking und CoWorking Spaces. Hier soll es nun um eine Kooperation zwischen einer Bibliothek und einem CoWorkingSpace gehen.

CoWorking ist eine „neue“ Arbeitsform, bei der unabhängig voneinander agierende Freiberufler, Kreative, kleinere Startups oder digitale Nomaden in meist größeren Räumen, den sog. CoWorkingSpaces zusammenarbeiten. Gemeinsam können sie hier zeitlich flexibel Arbeitsplätze und Infrastruktur (Netzwerk, Drucker, Scanner, Fax, Telefon, Beamer, Besprechungsräume) auf Tages-, Wochen- oder Monatsbasis nutzen. Entscheidendes Merkmal eines CoWorkingSpaces im Vergleich zu anderen klassischen Lern- und Arbeitsorten wie Bibliotheken ist jedoch die Community, die durch gemeinsame Workshops, Projekte oder weitere Aktivitäten entsteht und von der die CoWorker in besonderer Weise profitieren.

Digitale Arbeitsformen und CoWorking in Bibliotheken?

Was kann nun der klassische Lern- und Arbeitsort Bibliothek von den neuen digitalen Arbeitsformen in CoWorkingSpaces lernen und wie damit neue Zielgruppen ansprechen bzw. eine Community in den sozialen Netzwerken aufbauen?
Alles beginnt mit ersten Schritten und einer dieser ersten Schritte wurde in Wolfsburg bereits in Form einer Kooperation des CoWorkingSpaces/Schiller40 mit der Stadtbibliothek Wolfsburg und dem Medienzentrum der Stadt gegangen.

Vorbereitung: Minecraft-Session im Besprechungsraum

Vorbereitung: Minecraft-Session im Besprechungsraum

„Fachsimpeln mal anders“ – Stadtbibliothek und CoworkingSpace kooperieren mit Powerpointkaraoke und Smartphoneschule
Bereits Anfang 2011 wurden der spätere Leiter des CoWorkingSpaces Christian Cordes und die Stadtbibliothek gemeinsam aktiv mit der Powerpoinkaraoke, die seit diesem Zeitpunkt regelmäßig, mindestens aber zwei Mal im Jahr in den Räumen der Zentralbibliothek im Aaltohaus stattfindet. Als die Bibliothek während der Aktionswoche „Treffpunkt Bibliothek“ im Herbst 2011 ein Smartphonetreff veranstaltete und sich das Medienzentrum der Stadt und Christian Cordes daran beteiligten, war dies die Geburtsstunde der späteren Smartphoneschule.

Nach der Gründung des Wolfsburger CoWorkingSpaces im April 2012 wechselte dieses kostenfreie Angebot monatlich zwischen Stadtbibliothek und CoWorkingSpace, ab September 2012 wurde aus dem Smartphonetreff schließlich die Smartphoneschule, die seitdem an jedem zweiten Donnerstag im Monat im CoWorkingSpace/ Schiller40 stattfindet und durchschnittlich 40 „meist älteren“ Teilnehmern die Grundlagen der Nutzung von mobilen Endgeräten vermittelt.
Zwischenzeitlich gründete die Smartphoneschule eine Smartphone-AG mit Schülern der 5. bis 7. Klassen des Wolfsburger Ratsgymasiums. Diese hatten die Aufgabe, die monatliche Veranstaltung mit vorzubereiten und die Besucher der Smartphoneschule zu unterstützen. Die Stadtbibliothek nutzte den Besprechungsraum des CoWorkingSpace/Schiller 40 für Minecraft-Spielnachmittage mit Schülern und auch die FSJler (Freiwilliges Soziales Jahr Kultur) aller drei Einrichtungen arbeiten gemeinsam an digitalen Projekten wie der Produktion des Podcasts „Kulturlos?Kultur Los! „ oder einer Umfrage zur Nutzung mobiler Endgeräte unter Schülern.

Neben den beiden Formaten Powerpointkaraoke und Smartphoneschule, die sich mittlerweile etabliert haben, denken das CoWorkingSpace/Schiller40 und die Stadtbibliothek auch immer wieder über neue gemeinsame Veranstaltungsformate wie Twitter-Tatort, Twitter-Lesung, oder Laber-Flashmob nach.

Smartphoneschule im CoWorkingSpace/Schiller40

Smartphoneschule im CoWorkingSpace/Schiller40

Arbeitsaufwand? Kooperation ja oder nein? Erstmal kommt es auf die richtige Einstellung an!

Alle Überlegungen, was denn auf Seiten einer Bibliothek nötig ist, um mit einem CoWorkingSpace (so denn vor Ort vorhanden) zu kooperieren, sei es nun der zeitliche oder personelle Rahmen, kann man im Grunde vernachlässigen, wenn nicht in der Bibliothek ein gelebtes und natürliches Interesse an einer Zusammenarbeit besteht. Das wird auch in der Regel nie bei allen Bibliotheksmitarbeitern gleich stark vorhanden sein, es sollte aber zumindest wie in Wolfsburg ein heißer Draht zwischen CoWorkingSpace-Leiter auf der einen und Öffentlichkeitsarbeiter der Bibliothek auf der anderen Seite bestehen. Einen Zugang in die „neuen“ digitalen Welten finden Bibliotheken nicht, wenn sie sich ab und zu und nur aus Imagegründen mit digitalen Themen schmücken. So ist gerade die regelmäßige Smartphoneschule in Wolfsburg eine Veranstaltung, bei der die Bibliotheksmitarbeiter genau so viel lernen können (und müssen) wie die externen Teilnehmer auch. Bis sie irgendwann nicht mehr Tablets, Smartphones und EBook-Reader als „Themen on top“ zu ihrem „Kerngeschäft“ ansehen, sondern sie wie selbstverständlich in ihren Bibliotheksalltag integrieren. Sind in der Wolfsburger Smartphoneschule der Leiter des CoWorkingSpaces Christian Cordes und der Medienpädagoge des Medienzentrums diejenigen, die inhaltlich am meisten beitragen und das auch didaktisch gut vermitteln, so ist es innerhalb dieser Kooperation gegenwärtig Aufgabe der Bibliothek, die Veranstaltungen in der Presse zu kommunizieren und die zahlreichen telefonischen Anfragen zur Smartphoneschule („kostet das was?“, „was muss ich wissen und vorher lesen, um teilnehmen zu können?“, „ muss ich schon ein Smartphone mitbringen oder kann ich mich bei Ihnen beraten lassen?“) zu beantworten. Prinzipiell wäre hier, je nach Situation vor Ort, ein weiterer Anknüpfungspunkt zu einer Volkshochschule, die vertiefende kostenpflichtige Kurse zu einzelnen Aspekten der Smartphonenutzung anbietet, während in der Smartphoneschule vorrangig die Grundlagen behandelt werden.

CoWorkingSpace/Schiller40

CoWorkingSpace/Schiller40

„Wo Ideen Kreise ziehen“ – das Wolfsburger CoWorkingSpace /Schiller40 in Daten

Das Wolfsburger CoWorkingSpace/Schiller40 ist das erste Space in kommunaler Trägerschaft von Stadt Wolfsburg, der Wolfsburg AG und der Wolfsburger Wohnbaugesellschaft Neuland. Es ist ein anerkannter Ort für Schulen, Bürger und Kreative und Teil des Kulturentwicklungsplans der Stadt. Der Startschuss für die Planungen fiel im Dezember 2011, seit Juni 2012 läuft es im „Vollstartmodus“. 17 Arbeitsplätze können zeitlich flexibel gemietet werden. Da das Space seit September 2012 voll ausgelastet ist, werden zur Zeit keine weiteren Nutzer aufgenommen. 195 Personen gehören zum Kundenstamm des Spaces, 250 Mitglieder umfasst die Facebookgruppe des CoWorkingSpace/Schiller40.
Seit dem Start 2012 können rund 70 Infoveranstaltungen in der Region (IHK, Unternehmen) gezählt werden. Neben Veranstaltungsformaten wie Wissensfunken (4 Veranstaltungen im Quartal ) für die Nutzer des CoWorkingSpaces und weiteren Workshops und Seminaren zur digitalen Kultur, ist das Projekt „Betagarten“ ein Motor für die Kultur- und Kreativwirtschaft der Stadt.

CoWorker bei der Arbeit

CoWorker bei der Arbeit

„Vom Baumarkt zur Selbstschrauberwerkstatt“ – Fazit: was muss passieren, um CoWorking in Bibliotheken zu etablieren?
Auf die Frage, ob und in welchem Umfang sich CoWorking in Zukunft auch in Bibliotheken z. B. in Form von CoWorking Areas verwirklichen ließe, bemüht Christian Cordes ein Bild, das aus seiner Sicht den Ist-Stand in Bibliotheken wiedergibt: Bibliotheken seien wie Baumärkte und ein CoWorkingSpace eher wie eine Selbstschrauberwerkstatt. Wenn man diesen Vergleich auf das Produkt Farbe überträgt, heißt das: Bibliotheken haben die Farben zwar im Bestand und sagen den Nutzern, wo genau die gewünschte Farbe im Regal steht, nehmen sie aber noch viel zu selten aus dem Regal, um ihren Nutzern zu zeigen, was man alles damit machen kann.
Derzeitig sind Themen wie Gaming und FabLabs  für Cordes viel bibliothekstauglicher als CoWorking. Das auch aus dem Grund, da CoWorking eine grundsätzlich andere Auffassung von Community-Management voraussetze, als sie in den meisten Bibliotheken derzeit gelebt wird. Ein weiter Weg also. Fangen wir an, ihn mit vielen kleinen ersten Schritten zu gehen!

Uwe Nüstedt,  uwenuestedt@googlemail.com, Tel. 0171-3127783

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Co-Working – ein Konzept für Bibliotheken? Tool der Woche – dict.cc

2 Kommentare Add your own

  • 1. Gelesen in Biblioblogs (45.KW’13) | Lesewolke  |  11. November 2013 um 07:07

    […] nur in den USA macht man sich Gedanken, wo die Zukunft der Bibliotheken liegen könnte. Auch die Zukunftswerkstatt hat Beispiele für neue Betätigungsfelder gesammelt. Man weiß schließlich nicht, ob das mit den […]

  • 2. Norbert  |  4. November 2014 um 13:02

    Habe auch längere Zeit mal in einem Co-Working Space gearbeitet und die Zeit dort hat mir ziemlich viel Freude bereitet. War dann beinahe traurig, als meine Firma größer wurde und ich mir ein neues Büro suchen musste.

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