Gedanken zu Second Life

11. Juni 2010 at 17:37 3 Kommentare

Liebe Freunde und Unterstützer der Zukunftswerkstatt,

ich weiß es ist u.U. ein unpassender Augenblick für einen neuen Blogbeitrag, wenn doch gerade die Fußballweltmeisterschaft begonnen hat. Und trotzdem möchte ich aus aktuellem Anlass über ein Thema schreiben, dass ein bißchen in Vergessenheit geraten ist. Die Rede ist von Second Life.

Die von der Firma Linden Lab entwickelte und betriebende virtuelle Welt hat anscheinend Probleme. Es heißt es würden nun eine Vielzahl an Mitarbeitern entlassen usw. Schon beginnen die Ersten mit Grabreden, erzählen von einem Hype der nie mehr wurde, man erinnert an die Problemfelder wie Pornographie usw. Alles in allem scheinen die meisten Menschen davon auszugehen, dass Second Life gescheitert ist. Aber ist es gescheitert? War alles umsonst?

Wir von der Zukunftswerkstatt haben einen ganz persönlichen Bezug zu Second Life. Hätte es diese virtuelle Welt nicht gegeben, hätte Jin Tan auch seine Diplomarbeit nicht darüber schreiben können. Und hätte er damit nicht einen Innovationspreis gewonnen, der auf dem Bibliothekartag 2008 in Mannheim überreicht wurde, wären wir vielleicht nicht auf die Idee gekommen ihn zu fragen, ob er bei unserem Projekt mitmachen würde und dann – da bin ich mir sicher – wären wir niemals so erfolgreich gewesen.

Nun mag man sagen, dass dieser Umstand sicherlich nett aber nicht besonders bedeutend ist. Deshalb möchte ich ein paar Gedanken niederschreiben, warum Second Life ein Erfolg ist und war.

Zuerst ist es wichtig zu verstehen, dass Second Life kein Computerspiel ist. Es ist vielmehr eine virtuelle Welt in der es keine Vorgaben oder Aufgaben wie in Computerspielen gibt. Second Life ist einfach nur da. Jeder kann ein virtuelles Leben beginnen, seinen eigenen Avatar erschaffen, andere Menschen kennenlernen, mit ihnen kommunizieren und Geschäfte machen. Man kann seine eigene virtuelle Welt erzeugen sei es als Bebäude oder als Insel usw.

Warum ist Second Life wertvoll?
Der meiner Meinung nach wichtigste Punkt ist die Tatsache, das Second Life eine Spielwiese war und ist. Wir leben in einer Zeit, in der kontinuierlich neue Kommunkations- und Medienformen entstehen. Das Web 2.0, Computergames, eBooks – alle diese Plattformen bedeuten nicht nur neue Technologien sondern vor allem eine neue Kultur. Es geht dabei um die Kultur des Austausches, der Kooperation, der Interaktion, der Transparenz etc.
Second Life gab und gibt Einzelpersonen, Institutionen und Unternehmen die Möglichkeit, neue Wege auszuprobieren. Alle Unternehmen und Institutionen, die z.B. in Second Life eine Dependance hatten oder haben lernen wie man mit virtuellen Welten umgehen kann. Dieses Know How ist für die Zukunft der Kultur- und Wissensvermittlung von großer Bedeutung, denn auch wenn Second Life oder Facebook oder Twitter oder World of Warcraft igendwann an Bedeutung verlieren sollten, haben diejenigen, die mit diesen Plattformen gearbeitet haben einen imensen Wissensvorsprung. Und es wird weiterhin virtuelle Welten geben – dessen bin ich mir sicher.

Was können wir von Second Life lernen?
Zum Einen können technologisches Know How erwerben. Es ist wichtig zu wissen, wie ein solche Technologie funktioniert, welche Ressourcen benötigt werden und wo eventuelle Stolpersteine zu erwarten sind. Zum Anderen können wir Funktionalitäten ausprobieren. Second Life ermöglicht eine Vielzahl an unterschiedlichen Aktivitäten und Services. Zudem können wir von den Nutzern lernen. Denn sie scheinen sich dort ja wohl zu fühlen und wir können zudem mit Ihnen zusammen neue Kommunikations- und Vermittlungsformen entwickeln und ausprobieren. Weiterhin können wir spielen lernen. Denn diese Qualifikation, der spielerische Umgang mit Aufgaben und Inhalten wird in der Zukunft ebenfalls von großer Bedeutung sein. Und natürlich können wir Offenheit gegenüber neuen Technologien und Herausforderungen lernen. Vielleicht fallen Euch noch mehr Dinge ein, die wir von Second Life lernen können?

Es wird neue Plattformen geben. Neue Ideen und neue Inhalte und es wird vor allem darum gehen, Kultur- und Wissensinstitutionen fit für diese Zukunft zu machen. Ihre Aufgabe wird nicht sein, auf die neuen Angebote irgendwann zu reagieren sondern diese aktiv zu gestalten.

Anstatt über den Sinn oder Unsinn, den Siegeszug oder den Niedergang von Plattformen wie Second Life nachzudenken, sollten wir in der Breite damit beginnen, diese Plattformen für die Kultur- und Wissensvermittlung zu erschließen. Dafür benötigen wir Trendforschung und Innovationsmanagement genauso wie eine Diskussion, ob die vorhandenen Strukturen in den Institutionen mit den neuen Herausforderungen noch kompatibel sind.

Second Life war und ist ein Gewinn, wenn wir es als einen weiteren Schritt und nicht als Ende eines Entwicklungsprozesses sehen. Und wenn wir verstehen, dass wir mittendrin sind in dieser Entwicklung – ob wir es wollen oder nicht.

Christoph Deeg

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Zukunftswerkstatt startet eigene Community Was Kultur- und Wissensinstitutionen vom Fußball lernen können – Teil 1

3 Kommentare Add your own

  • […] This post was mentioned on Twitter by Zukunftswerkstatt, crocksberlin. crocksberlin said: Was können Kultur- und Wissensinstitutionen von Second Life lernen: http://tinyurl.com/37w77qz #virtuelle Welten #games #zw09 […]

  • 2. Marion Weiß  |  17. Juni 2010 um 16:08

    Lieber Herr Deeg,
    es ist aus meiner Sicht keineswegs ein Misserfolg, wenn die Begeisterung um virtuelle Welten wieder abflacht. Man hätte die Gelegenheit an diesem Punkt die Frage zu stellen, die vor lauter Urteilen („spannend, interessant und neu“ versus „willichnixmitzutunhaben“) leider nicht zugelassen wird: Woran liegt es, wenn virtuelle Welten das physische Leben doch nicht mal eben so umkrempeln?

  • 3. Christoph Deeg  |  30. Juni 2010 um 09:01

    Sehr geehrte Frau Weiß,

    haben Sie vielen Dank für ihren Kommentar. Ihre Frage ist sehr wichtig, denn Sie beschäftigt sich mit einem Thema, welches m.E. „falsch“ diskutiert wird. In den letzten Jahren ist mir aufgefallen, dass wir z.B. bei der Frage nach den virtuellen Welten immer von einem Konkurrenzkampf mit der sog. Realität ausgehen. Es entstehen dabei verschiedene Fronten. Da sind diejenigen, die das Neue ausprobieren, damit arbeiten und sich daraus resultierend mit diesen Welten identifizieren. Auf der anderen Seite finden wir diejenigen, die das alles ganz schlimm finden und meinen das Virtuelle wäre eine Gefahr für das Reale (ich stelle dies bewusst etwas überspitzt dar). Wer nun meint, dass virtuelle Welten das reale Leben in kurzer Zeit komplett verändern überschätzt ihre Möglichkeiten und auch ihre Zielsetzung.

    Virtuelle Welten sind Teil unseres Lebens geworden. Sie stehen nicht in Konkurrenz zur Realität sondern sind Teil derselben. Manche Menschen mögen solche Plattformen mehr nutzen als andere – sehr viele Menschen werden dies überhaupt nicht tun. Aber virtuelle bedeuten auch neue Chancen der Kommunikation und der Kultur- und Wissensvermittlung. es liegt glaub ich an allen Kultur- und Wissensinstitutionen, ob wir diese Chance nutzen….

    ganz liebe Grüße

    Christoph Deeg

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