Gastbeitrag: „Zukunftsmusik der Gegenwart“ von Marion Weiß

7. April 2010 at 12:16 1 Kommentar

Auf der Leipziger Buchmesse suchte ich intensiv nach Möglichkeiten, möglichst viele verschiedene e-Book-Reader auszuprobieren. Das gestaltete sich schwieriger als erwartet, denn kein Unternehmen machte großes Aufhebens vom neuen Zeitalter des Lesens – obwohl amazon nach dem letzten Weihnachtsfest doch stolz verkündet hatte, mehr e-Books als Bücher verkauft zu haben! (Ein bisschen weniger nachdrücklich wurde erwähnt, dass sich die Zahl auf die Weihnachtsfeiertage bezog – das heißt, dass die konsuminteressierte Kundschaft also vielleicht einfach die Gelegenheit beim Schopfe nahm, zum soeben geschenkten „Kindle“-Reader nun rasch ein paar Titel zu ordern.)

Am angekündigten Stand von Sony Music Entertainment fanden sich Hörbücher der „???“ (Drei Fragezeichen)- kein Sony, kein Sony Reader. Das wurde selbstverständlich gleich mit einen dicken Punkt für Ironie belohnt und ich machte mich auf, den „´txtr“ aus Berlin zu entdecken. Tatsächlich bietet die txtr GmbH ein Konzept, das für wissenschaftliches Arbeiten sehr interessant ist: Es gibt die txtr-community, auf der angemeldete Mitglieder an gemeinsamen Projekten arbeiten können: So besteht z.B. die Möglichkeit, eigene Texte einzustellen, anderen Zugriffsrechte darauf zu erteilen und sich darüber auf der txtr-Plattform auszutauschen. Auf der Messe irrlichterte ich allerdings eine Weile vergebens um den Block, in dem sich der txtr-Stand befinden sollte. Dann stellte sich heraus, dass der Stand sehr klein war und eine Ansammlung von ca. acht Personen davor bereits genügte, ihn praktisch unauffindbar werden zu lassen.

Letztenendes gelang es mir, insgesamt acht verschiedene e-Book-Reader ausfindig zu machen und auszuprobieren. Außer dem txtr und dem Reader von Hexaglot fand ich die Geräte nicht bei den Herstellern, die– siehe Sony – eben durch Abwesenheit glänzten. Und deshalb möchte ich technische Details (die sich rasant verändern) hier auch vernachlässigen und mich konzeptionellen Unterschieden widmen. Denn der gern angestellte technische Vergleich lässt außer Acht, was beim Kauf eines Gerätes ausschlaggebend sein sollte: Kann es das, was es für mich tun soll?

Bei eBook-Readern kommt es entscheidend darauf an, wie, wie viel und aus welchem Anlass man liest. Ist es der reine Zeitvertreib bei der täglichen S-Bahnfahrt zur Arbeit? Oder wird auf professioneller Basis gelesen, mitunter mehrere Titel parallel? Liest man überwiegend kürzere Abschnitte und schätzt die Abwechslung oder vertieft man sich? Arbeitet man wissenschaftlich, so dass der Austausch mit Kooperationspartnern Teil der Arbeit ist? Ist Lesen genug oder streicht man gern im Text herum und macht ihn sich so zu eigen? Will man eigene Notizen verfassen, die das Gerät am besten auch erkennen sollte?

Für diese Anforderungen gibt es Lösungen. Grundlegend ist die Unterscheidung vom umfangreichen, häufigen, langen Lesen gegenüber dem Lesen als „Kurzzeittätigkeit“. Im ersten Fall empfiehlt sich das digitale Lesen mit einem eigens dafür konzipierten Reader – demgegenüber steht das Lesen mit einem Smartphone. Die „hauptberuflichen“ Reader verwenden die sogenannte eInk-Technologie. Die Darstellung im Display orientiert sich klar am papiernen Text-Vorbild. Das heißt, dass auch die Bildschirme der eBook-Reader nicht hintergrundbeleuchtet sind. Dadurch soll es möglich sein, an diesen Geräten auch über mehrere Stunden ermüdungsfrei und augenschonend zu lesen. (Jeder weiß, wie man sich nach ein paar Stunden am PC-Bildschirm fühlt) Aufladen muss man das Gerät auch nur selten, da Energie nur bei Aktivitäten (wie z.B. dem Umblättern) verbraucht wird – nicht beim Anzeigen des Textes. Allerdings können keine Farben abgebildet werden – ob das ein Nachteil ist, hängt aber vom gewünschten Gebrauch ab. Die gut bebilderte Ratgeberliteratur ist hier aber tatsächlich nicht so gut aufgehoben.

Smartphones dagegen können Farben abbilden – aber in der Regel machen die Akkus nicht allzu lange mit und das Lesen strengt durch die Hintergrundbeleuchtung die Augen an. Auch sind die Displays noch kleiner als bei den eBook-Readern, was nicht unbedingt zum ausschweifenden Lesen einlädt. Die Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig hat mit der Folkwang Universität Essen ein Projekt („Zenodot“) auf den Weg gebracht, mit dem Texte speziell für Smartphones gestaltet werden sollen. Von japanischen Handyromanen hat manch einer sicher schon gehört, so dass an dieser Stelle möglicherweise aus der Technologie eine neue Art Literatur oder Literaturdarstellung entstehen wird. Das bleibt abzuwarten und man sollte vielleicht klarer zwischen e-Book-Readern, die nahe am klassischen Lesen funktionieren und Smartphone-Readern unterscheiden.

Für beide Richtungen bedauerlich ist die derzeitige Strategie der Verlage, ihre Inhalte rigide mit Kopierschutz zu versehen. Sie ist durchaus verständlich, obwohl auf der Buchmesse zugleich häufig die Erkenntnis ausgesprochen wurde, dass man doch bei der Musikindustrie gesehen hat, wohin das rigide Abschotten führt. Und ehrlich gesagt: Ich sträube mich, bei allem Interesse, auch dagegen, Geld für ein Produkt zu bezahlen, das dann nicht wirklich mir gehört.

Zum Abschluss ein kleiner Hinweis in eigener Sache: Liebe Verlage, ich habe den Wunsch, in Verbindung mit einem klassischen Buch für einen Aufpreis den Zugang zu diesem Buch als eBook mitkaufen zu können. Denn ich lese gern parallel und wenn ich unterwegs bin, habe ich stets mehrere Bücher dabei, die ordentlich Gewicht haben. Statt dessen könnte ich dann meine aktuellen drei oder fünf Titel auf meinen Reader laden und mitnehmen, die physischen Bücher bleiben hübsch zu Hause und die kleine Tasche reicht. Das wird es geben? Ja?! Danke!

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Das Team der Zukunftswerkstatt bedankt sich ganz herzlich bei Marion Weiß für diesen Gastbeitrag. Möchtest Du auch einen Gastbeitrag auf unserem Blog verfassen? Dann melde dich bei uns unter: christoph.deeg@zukunftswerkstatt.org

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1 Kommentar Add your own

  • 1. Stefan  |  29. Mai 2010 um 14:24

    Danke für den Artikel. Ich hätte nicht gedacht, dass die Reader für ebooks bis heute so rar sind. Ob es damit so läuft wie bei der Dotcom-Blase? Alles was heute als ganz besonders neu dargestellt wird, das gab es damals bereits.

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