Was wäre wenn Gutenberg Computergames erfunden hätte?

4. März 2010 at 09:30 1 Kommentar

Liebe Leser,

letztes Jahr durften wir immer wieder Vorträge zur möglichen Zukunft der Bibliotheken halten. Dabei fiel immer wieder auf, dass das Web2.0 weitaus schneller als wesentliches Merkmal zukünftiger Bibliotheksarbeit akzeptiert wird als die Welt der Computergames. Es erscheint logischer bzw. einfacher die Kultur des Web2.0 zu verstehen bzw. zu akzeptieren als die Kultur der Computergames. Dabei gibt es bei beiden sehr viele Gemeinsamkeiten. Aus diesem Grund bin ich im Sommer 2009 dazu übergegangen den Zuhörern folgende Frage zu stellen:

Was wäre wenn Gutenberg Computergames erfunden hätte? Wie sähe die Welt heute aus? In der Schule:“Als Hausaufgaben spielt jeder die Level 2-5 des Historygames durch. Ich erwarte Euch Morgen auf Level 25“? Soziologen würden sich über unsere Gesellschaft als Edutainmentgesellschaft Gedanken machen? Wäre es für uns nicht das normalste der Welt Computerspiele zu nutzen? Würden wir nicht nur die Lese- sondern auch die Spielkompetenz ausbauen bzw. Kenntnisse und Erfahrungen darin erwarten? Wären spielerischer Umgang mit Inhalten und Medien in allen Altersklassen und allen Lebensabschnitten nicht das normalste der Welt? Wäre es nicht schick bzw. ein Lebensziel viele verschiedene Games gespielt zu haben?

Und was würde dann passieren, wenn jemand auf einer Messe ein völlig neues Produkt vorstellt: das Buch. Ein wie er findet wegweisendes Produkt. Speicherung von Wissen auf einer einfach zu bedienenden Plattform. Wunderschöne Einbände. Kultur- und Wissensvermittlung in einer neuen, faszinierenden und persönlichen Art und Weise. Würden dann viele Menschen aufschreien und beklagen, dass das Buch die Menschen einsam machen würde? Das Kinder und Jugendliche plötzlich nicht mehr interaktiv, multimedial und spielerisch Inhalte erschliessen sondern zurückgezogen im eigenen Zimmer still und allein Bücher lesen?

Gamepartys fänden plötzlich nicht mehr statt. Unternehmen bemängelten die mangelhafte Spielkompetenz von Schülern und Studenten. In Talkshows erklären Kulturgößen, dass sie mit Büchern einfach nichts anfangen können. Ganze Industrien brächen zusammen, weil sie nie auf die Idee gekommen sind, dass Jugendlich die Bücher heimlich kopieren und/oder unter Freunden weitergeben bzw. tauschen. Schließlich werden Games ja nur über den eigenen persönlichen Lebensaccount mittels DRM und Lizenz bezogen. Keine Sorge. Es war nur eine Idee…

Man kann dieses Bild beliebig ausmalen. Aber es soll nur eines zeigen: Es gibt verschiedene Medien bzw. verschiedene Plattformen über die kulturelle und wissenschaftliche Inhalte vermittelt werden können. Und natürlich muss man darauf achten, dass man diese Plattformen kritisch hinterfragt bzw. damit verbundene Gefahren analysiert. Aber diese neuen Kulturformen, ob nun Web2.0 oder Computergames wachsen stetig. Nicht weil es ein so großes Angebot gibt, sondern weil die Menschen sie nutzen also eine Nachfrage dafür vorhanden ist. Und die Entwicklung neuer Technologien und Nutzungsoptionen schreitet immer schneller voran.

Längst haben wir es mit einem Verschmelzungsprozess zwischen der Welt des Web2.0 und der Welt der Computergames zu tun. Denken wir nur als Beispiel an die Möglichkeit aus dem Onlinespiel „World of Warcraft“ zu twittern bzw. im Spiel selber Tweets zu empfangen.

Es gibt verschiedene Ansätze und Gedankengänge zum Thema Web3.0. Meiner Meinung nach ist dies erst der Anfang und so wie vielerorts das sog. „semantic web“ als eine mögliche Weiterentwicklung des Web2.0 gesehen wird, glaube ich wir sollten uns überlegen, was die Verbindung von Games und Web2.0 bedeutet. Deshalb ist es für Bibliotheken so wichtig, nicht nur Computergames zu verleihen sondern die damit verbundene Kultur und die Nutzer/Gamer zu verstehen. Es sind die Plattformen, über die Kultur und Wissen in der Zukunft vermehrt vermittelt werden. Überlegen Sie sich: Wo kennen Sie in Ihrem Arbeitsalttag Beispiele für den spielerischen Umgang mit Inhalten? Wann haben Sie das letzte mal selber Computerspiele ausprobiert? Wenn Sie in Leipzig am Bibliothekskongress teilnehmen, können an unserem Stand den Nintendo DS und die Sony PSP ausprobieren – vielen Dank an Electronic Arts für die erneute phantastische Unterstützung. Probieren Sie es aus, es macht richtig Spass.

Christoph Deeg
Zukunftswerkstatt

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Blip.fm oder was man alles mit Onlineinhalten machen kann Leipzig, Leipzig, Leipzig

1 Kommentar Add your own

  • 1. Mark Buzinkay  |  9. März 2010 um 15:34

    Danke für diesen Beitrag. Ich denke es ist wichtig, dass man Computerspiele als Kultur- und Alltagsgut wahrnimmt. Meine Eltern spielen Wii, und jene Bibliothekare, die letztes Jahr am „Gaming in Libraries“ Seminar mitgemacht haben, waren von diversen Spielen nicht mehr wegzubekommen. Man muss „es“ tun, damit man das Potential bewußt wird. Gutenberg hätte es wohl verstanden😀

    beste Grüße
    Mark

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