Gastbeitrag: Warum Zukunftswerkstatt – warum Bibliotheken?

7. Januar 2010 at 17:40 1 Kommentar

In einem Augenblick tiefster bibliothekarischer Frustration machte ich mich am Ende des vergangenen Jahres auf die Suche nach Gleichgesinnten – und fand (welch Glückes Geschick!) die Zukunftswerkstatt im Netz.

Einen herben Schlag hatte mir schon vor längerer Zeit eine Fortbildung zum Thema Medienpräsentation versetzt, bei der ich Gelegenheit hatte, mich mit zahlreichen Kolleginnen und Kollegen auszutauschen.

Es stellte sich dort heraus, dass die Fachkräfte in zahlreichen Öffentlichen Bibliotheken dem steigenden Rechtfertigungsdruck der eigenen Existenz mit massiver Konzentration auf steigende Ausleihzahlen begegnen. Es wird beim Bestandsaufbau vor allem darauf geachtet, dass Titel eingekauft werden, die hohe Ausleihzahlen versprechen. Titel, die dieses Versprechen nicht halten, werden zügig entsorgt.

Gleichzeitig höre ich beim kollegialen Austausch oft die bedrückende Sorge, dass Ehrenamtliche in immer qualifiziertere bibliothekarische Aufgabenfelder geholt werden und das Bibliothekspersonal dort ersetzen. Selbst die Äußerung „Tja, was sollen wir machen – wir haben halt keinen „hehren“ Job. Das müssen wir einfach einsehen!“ kam mir von einer Bibliothekarin zu Ohren – und gab mir den Rest.

Denn ich denke, dass der Punkt erreicht ist, an dem in Bibliotheken mit artiger Fügung ins scheinbar Unvermeidliche nichts mehr erreicht werden kann, als die fortschreitende Entwertung der eigenen Zunft.

Bibliotheken, die sich dazu nötigen lassen, ihre Existenzberechtigung aus Ausleihzahlen herzuleiten, sind augenblicklich passé, wenn diese sinken sollten. Und die Konzentration auf diesen Weg, zieht schon vorher die Senkung des fachlichen Niveaus nach sich: Einfache Titel mit immer schöneren Titelbildern (Präsentation!) gehen am besten. Das ist eine Abwärtsspirale: Konsequent zu Ende gedacht, stellt sich die Frage, warum man dafür Fachpersonal benötigt. Und nicht wenige Bibliotheksträger sind ja bereits an diesem Punkt – oder darüber hinaus.

Dabei bietet eine Zeit wie diese, voller technischer Umbrüche und einer extrem unübersichtlichen medialen Welt, immense Chancen zur fachlichen Neubestimmung und ein einmaliges Spielfeld, auf dem Bibliotheken Maßstäbe setzen und Türen öffnen könnten.

Keine Institution bietet vielseitigere Räume, in denen das sich-zurecht-finden im Medien- und Informationszeitalter effektiver gelehrt und gelernt werden kann. Und da das Informationszeitalter nicht geographisch zu begrenzen ist, besteht für Bibliotheken aller Größenordnungen die Möglichkeit, sich neu zu positionieren.

Keiner anderen Institution ist die Interdisziplinarität so in die Wiege gelegt wie der Bibliothek, die gleichermaßen den Bereichen Bildung und Kultur angehört. Was uns bisher zum Nachteil gereichte (zuständig sind die anderen!), ist doch eigentlich eine große Stärke, die vor allem im Bibliothekswesen selbst anerkannt werden und offensiv vertreten werden sollte.

Die Hoffnung, die ich durch die Zukunftswerkstatt schöpfe, ist, dass das Fachpersonal in den Bibliotheken sich dazu entschließt, die bibliothekarische Zukunft nicht zu erleiden, sondern offensiv zu gestalten.

———
Das Team der Zukunftswerkstatt bedankt sich ganz herzlich bei Marion Weiß für diesen Gastbeitrag. Möchtest Du auch einen Gastbeitrag auf unserem Blog verfassen? Dann melde dich bei uns unter: christoph.deeg@zukunftswerkstatt.org

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1 Kommentar Add your own

  • 1. Hans-Jürgen Schmidt  |  9. Januar 2010 um 07:04

    Stimmt, liebe Frau Weiß, mit Erfolgszahlen kann man niemanden beeindrucken, dem die Öffentlichen Bibliotheken nicht wichtig sind. Gegen das Argument zum Beispiel: Im überregionalen Vergleich ist hierorts die Bibliotheksdichte zu hoch, wir müssen reduzieren, helfen auch Rekordergebnisse nichts.
    Zwei Fragen also: Wem müssen wir wichtig werden, und warum sind wir es nicht? In kleinen Orten wird es auch ohne soziologische Erhebungen anschaulich: Journalisten kommen meist nur zu Events in die Bibliothek, und sie schreiben dann über Grundversorgung, Bestseller, Lesestoff und Leseratten. Dasselbe gilt von den Leuten, die in der Gemeinde Gewicht haben. Sie kennen uns meist nur aus der Presse und haben den Eindruck, wir leisten hauptsächlich Gemütspflege für Hausfrauen und Nachhilfe für Schüler. Dabei sind es Menschen, die ständig Informationen sammeln und verarbeiten. Warum sind wir so wenig daran beteiligt, wie werden wir ihnen wichtig?

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