Gastbeitrag: Nehmt die Kleinen mit! Informationskompetenz für alle

4. Dezember 2009 at 17:39 1 Kommentar

Nehmt die Kleinen mit! Informationskompetenz für alle

Eine schöne und knappe Definition  von Informationskompetenz gibt Jürgen Plieninger in seinem Blog bibtexte „Informationskompetente Schüler. Expertise NRW“ vom 1. Oktober 2009:
Als die Fähigkeit, mit beliebigen Inhalten selbstbestimmt, souverän, verantwortlich und zielgerichtet umzugehen, versetzt die so genannte Informationskompetenz den Einzelnen in die Lage, bei einem bestimmten Problem oder Sachverhalt zu erkennen, welche Informationen relevant sind und welche benötigt werden.

Oder:

Informationskompetenz gehört zum Bereich der soft skills und umfasst im Allgemeinen eine Reihe von Fähigkeiten, die dem Einzelnen den kompetenten, effizienten und verantwortungsbewussten Umgang mit Informationen ermöglichen. Diese Fähigkeiten beziehen sich auf alle Aspekte des problembezogenen Erkennens eines Bedarfs an Informationen, ihrer Lokalisation, ihrer Organisation, ihrer zielgerichteten Selektion durch Analyse und Evaluation und ihrer zweckoptimierten Gestaltung und Präsentation. (Wikipedia)

Hier werden hohe Ziele formuliert. Sie sind erstrebenswert und erreichbar. Für alle? Die Zukunftswerkstatt macht sich Gedanken über die Nutzung der neuesten Entwicklungen elektronischer Medien für Bibliotheken und ihre Nutzer unabhängig vom Büchereityp und Bestandstyp. Denkt sie dabei aber auch an alle Nutzergruppen?

Informationskompetenz sollen natürlich erst einmal die Bibliothekare erwerben, so gründlich wie möglich. Denn nur wer das Metier beherrscht, kann mit einem einzigen gut formulierten Satz einem hilflosen Leser eine neue Welt erschließen. Jean-Noel Jeanneney (in: Googles Herausforderung, Berlin, 2006, S. 33) hebt hervor, dass Bibliothekare immer wichtiger werden, je höher die Informationsflut steigt. Denn allzu viele können die Objektivität und den Wert einer Information nicht erkennen, ja nicht einmal zwischen Information und Werbung unterscheiden.

Es gibt das alte Schlagwort vom „mündigen Leser“. An den denken wir zuerst, denn wir neigen dazu, vor allem Menschen wahrzunehmen, die unserem eigenen Bildungsgang und Herkunftsmilieu entsprechen. Skeptische Blicke und Einwände gibt es aber auch von jenen, die „die andern“ mit bedenken. An denen gingen die elektronischen Neuerungen doch komplett vorbei. An welche Bibliotheksnutzer denken sie/wir dabei?

Zum Beispiel an den Studienanfänger, der bisher den Umgang mit Büchern und Bibliotheken nur sehr oberflächlich gelernt hat. Er versteht die Logik ihrer Aufstellung und Darbietung nicht, Registern, Indices, ja sogar Inhaltsverzeichnissen steht er fremd gegenüber, von einer Hierarchie der Suchbegriffe hat er nie gehört und Strategien zur Materialsammlungen kennt er nicht. Er kann seine geistigen Möglichkeiten nicht ausschöpfen, wurstelt sich aber zur ersten Zwischenprüfung durch.

In öffentlichen Bibliotheken haben wir oft Nutzer vor uns, die den Begriff Informationskompetenz nicht verstehen und das Wort selbst überlesen würden, weil es zu lang ist. Viele von ihnen können keinen Stadtplan deuten und einen Fahrplan nicht durchschauen. Aber sowohl der ungeübte Student als auch der in jeder Art Informationsmittel Ungeübte sind im Internet. Uns gegenüber können sie keine sofort verständliche Frage formulieren, ja sie vermeiden Fragen und begnügen sich damit, die Stelle mit „ihren“ Büchern wiederzufinden. Ihre wirklichen Wünsche erfahren wir nie. Aber Google erfährt sie. Warum nicht wir?

Noch einen Schritt weiter: Viele Leute nehmen ihre Ansprüche gegenüber Behörden nicht wahr, weil sie nicht wissen, wie sie die Formulare ausfüllen sollen. Sie vermeiden Bahn und Bus aus Unsicherheit und kommen auch in keine Buchhandlung und Bücherei. Aber sie sind im Internet, weil der Zugang so einfach ist. Die Bibliotheken könnten viele ihrer Bedürfnisse erfüllen, nur kennen wie einander nicht. Oder doch?

In den Kommentaren zu Zeitungsartikeln oder Blogbeiträgen begegnen uns viele von ihnen. Sie sind ungelenk im Schreiben. Die Artikel, die sie kommentieren, haben sie oft nicht verstanden. Sie kennen den Unterschied von Information und Meinung nicht und haben zwar einzelne Sätze, aber nicht den Sinngehalt im Ganzen erfasst. Auf einzelne Wörter reagieren sie nach dem einfachen Reiz-Reaktions-Schema und schnappen sofort zu. Als Werbekunden mögen sie willkommen sein, und viele Netzbetreiber beten vielleicht, das sie ihnen lange erhalten bleiben. Wir aber fragen uns: wie machen wir ihnen klar, dass wir es sind, die haben, was sie eigentlich suchen? Was wir für Leute tun können, die genauso schlau sind wie wir, das wissen wir. Andere wissen, wie man auch die anderen erreicht. Lernen wir von ihnen.

Natürlich zweifle ich keinen Moment daran, dass die Zukunftswerkstatt, die Blogschreiber und die vielen andern in den Bibliotheken mit gleicher Zielrichtung gerade auch diejenigen mit bedenken, für die ich hier gerade geschrieben habe. Aber noch mal dran erinnern schadet ja nichts.

———
Das Team der Zukunftswerkstatt bedankt sich ganz herzlich bei Hans-Jürgen Schmidt für diesen Gastbeitrag. Möchtest Du auch einen Gastbeitrag auf unserem Blog verfassen? Dann melde dich bei uns unter: christoph.deeg@zukunftswerkstatt.org

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wie geht das Mobiltelefon weiter? Zukunftswerkstatt auf dem Bibliothekskongress 2010

1 Kommentar Add your own

  • 1. uberVU - social comments  |  4. Dezember 2009 um 22:36

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    This post was mentioned on Twitter by ZW09: Toller Artikel zur Informationskompetenz: http://tinyurl.com/yj59whf #zw09 #informationskompetenz…

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