Zukunftswerkstatt auf der Frankfurter Buchmesse

21. Oktober 2009 at 13:12 4 Kommentare

Liebe Leser,

heute möchte ich über unsere Zeit auf der Frankfurter Buchmesse schreiben. Natürlich gilt es nun, die Erfolge der Zukunftswerkstatt herauszustellen. Aber ich glaube, dass Ihr alle wisst, dass wir fleißig waren, unsere Visonen weitergetragen haben und natürlich viel geredet und kontaktet haben. Ich möchte heute mehr von meinen persönlichen Eindrücken schreiben. Dies nicht nur weil ich es wichtig halte, auch subjektive Meinungen zu präsentieren. Vielmehr ist es schwer, über Veranstaltungen zu schreiben, bei denen man selber im Podium sitzt. Man kann sich selten alles merken, was im Laufe von 72 Stunden besprochen wurde.

B.I.T.-Online Diskussion

Alles began mit der Podiumsdiskussion bei B.I.T.-Online. Das Thema war spannend: „Bibliothek 2020 – zwischen Vergangenheit und Zukunft“ und es gab interessante Gesprächsteilnehmer:

Monika Ziller – Bibliotheksleiterin der Stadtbibliothek Heilbronn und Ansprechpartnerin im dbv-Vorstand für die Sektion 2 „Öffentliche Bibliothekssysteme und Bibliotheken für Versorgungsbereiche von 100.000 bis 400.000 Einwohnern“

Anne Bein – Geschäftsleitung Swets und Vizepräsidentin der Deutschen Gesellschaft für Informationswissenschaft und Informationspraxis e.V.

Christian Hasiewicz – Bibliothekarischer Direktor DiViBib

Prof. Dr. Wolfgang Ratzek – Prof. für BWL für Informationseinrichtungen, insbes. Marketing und Personalmanagement an der Hochschule der Medien Stuttgart

Tom Becker – Leiter der Zentralbibliothek Mannheim

Es war eine spannende Veranstaltung bei der mir letztlich drei Punkte in Erinnerung geblieben sind:

B.I.T.-Online

1. Der Blick von Außen vs. der Blick von Innen

Ich denke, dass die Diskussion über die Zukunft der Bibliotheken immer noch zu wenig interdisziplinär geführt wird. Die meisten Ideen und Argumente basieren auf dem Blick vom Inneren des Bibliothekswesens nach Außen. Immer wieder heißt es z.B., dass das wesentliche Problem die Finanzierung der Bibliotheken sei. Und natürlich ist es nicht von der Hand zu weisen, dass es in der Zukunft nicht um Kürzungen sondern vielmehr um eine massive Steigerung der Mittel für Bibliotheken gehen muss. Aber retten größere finanzielle Mittel wirklich die Zukunft der Bibliotheken? Ist dies wirklich das zentrale Problem? Wie sehen es die Menschen, die von außen auf die Bibliotheken schauen?

Ein Teilnehmer meinte – und ich unterstütze diesen Gedankengang voll und ganz – dass sich die Bibliotheken zu sehr als Teil des Problems präsentieren und nicht als Teil der Lösung. In diesem Zusammenhang stellt sich auch die Frage, inwieweit es bei der Frage um eine Verstärkung der Lobbyarbeit der Bibliotheken nicht vielmehr um eine Lobbyarbeit nach innen gehen sollte? Es geht in allen Bereichen – nicht nur in der virtuellen Welt – um einen tiefgreifenden Wandel. In der virtuellen Welt scheint Google so etwas wie ein mahnendes Symbol zu werden. Bibliotheken befinden sich auf einem globalen Markt mit kommerziellen Konkurrenten. Diese Konkurrenzsituation existiert aber auch und vor allem in der realen Welt. Welchen Stellenwert Bibliotheken in der realen und der virtuellen Welt haben werden entscheiden nicht die Bibliothekare oder die (Haushalts-) Politiker, sondern die Nutzer. Wir werden die Bedeutung der Bibliotheken – und ich halte die Bibliotheken für die zentrale Institution bzw. Schnittstelle einer zukünftigen Kultur- und Wissensgesellschaft – nicht herbeireden oder „herbeilobbyisieren“ können. Der Wandel muss von innen geschehen. Das Ziel der Zukunftswerkstatt ist es, die breite Masse der Bibliotheken zu erreichen, sie zu aktivieren und zu vernetzen. Erfurt09 war dafür ein guter Start und wir arbeiten an vielen weiteren Projekten, die helfen sollen, dieses Ziel zu erreichen.

In der Zukunft werden in und mit Bibliotheken Fundraiser, Marketingfachleute, Bibliothekare, Wissenschaftler, Verkäufer, Pädagogen usw. gleichberechtigt nebeneinander arbeiten. Dies bedeutet zum Einen, dass eines Tages auch Nicht-Bibliothekare zu Bibliotheksdirektoren werden und zum Anderen, dass Bibliotheken lernen müssen, wie man mit solchen interdisziplinären Netzwerken umgeht. Dieses Kooperationsmanagement wird eine der zukünftigen Schlüsselqualifikationen von Bibliothekaren sein.

2. Komplexität

Leider gibt es keine einfachen Lösungen. Diese Erkenntnis ist für Euch/Sie sicherlich nicht neu. Jedoch konnte man während der Diskussion merken, wie komplex die Problematik wirklich ist. Ich glaube wir haben vielleicht 6-8 Themengebiete wie z.B. die Finanzierung der Bibliotheken, die Struktur des öffentlichen Dienstes, die Aus- und Weiterbildung der Bibliothekare, die gesellschaftlichen Veränderungen bzw. der demographische Wandel, die Lobbyarbeit der Bibliotheken usw. Diese und viele weitere Punkte sind Teilaspekte einer komplexen Problemsituation. Dies bedeutet, dass man bei der Lösung dieses Problems alle Teilaspekte bearbeiten muss. Dies ist ein Grund, warum wir bei der von uns angedachten Roadshow Bibliothekare, mit Politikern und Unternehmen an einen Tisch holen wollen. Sie sollen nicht nur einen Tag lang gemeinsam Spielen und Ausprobieren, sondern mit uns gemeinsam über neue Wege der Bibliotheksarbeit nachdenken.

3. Das Bild der Bibliothek

Ein Podiumsteilnehmer sprach u.a. über eine Umfrage, bei der die Bewohner einer Stadt gefragt wurden, welche öffentliche Institution für sie am wichtigsten sei. Die Bibliothek sei dabei auf den zweiten Platz gekommen. Das hört sich erstmal gut an. Nach längerem Nachdenken habe ich mich allerdings gefragt was das bedeutet? Bedeutet dies, dass in der Stadt in der die Bibliothek ein so hervorragendes Ergebnis erzielt hat, die Nutzung der Bibliothek ebenfalls besonders hoch ist? Verfügen die Menschen in dieser Stadt daraus resultierend über eine vergleichsweise höhere Medien- und Informationskompetenz? Und wenn die beiden letzten Punkte nicht mit Ja beantwortet werden können – liegt es dann an der Bibliothek? Ich glaube, wenn wir die Frage in anderen Städten und Gemeinden stellen, werden Bibliotheken wieder ganz oben zu finden sein. Dies hat aber nicht immer mit einer starken Nutzung zu tun. Mir scheint es, als ob die Bibliothek nicht nur ein Ort oder eine Dienstleistung sondern auch ein Symbol darstellt. Eine Bibliothek steht u.a. für Kultur, Tradition, Wissen, Innovation – dies alles sind Bilder die viele Menschen damit verbinden. Die Tatsache, dass die Bibliothek seitens der Einwohner als besonders wichtig eingestuft wird, könnte also weniger auf eigenes aktuelles Nutzerverhalten als vielmehr auf den Wunsch nach einer Option auf die Nutzung in der Zukunft zurückzuführen sein. Dies wäre nicht besonders problematisch. Es würde aber bedeuten, dass man die Ergebnisse der Umfragen nicht als Akzeptanz des Status Quo missverstehen sollte. Die Ergebnisse wären aber eine sehr gute Ausgangslage, um den Wandel zusammen mit den Nutzern durchzuführen. Bibliotheken sind für unsere Gesellschaft von zentraler Bedeutung und es sind nicht nur die Bibliotheken sondern es ist die ganze Gesellschaft, die einem tiefgreifenden Wandel unterliegen. Im Internet wird es darum gehen, dass Bibliotheken auf neue Technologien nicht mehr nur reagieren. Vielmehr wird es darum gehen, den virtuellen Raum – genauso wie den realen – aktiv zu gestalten.

Podiumsdiskussion zw09 Buchmesse 09

Zukunft Lesen – die Podiumsdiskussion der Zukunftswerkstatt

Am Abend fand dann unsere Podiumsdiskussion zum Thema „Zukunft Lesen“ statt. Auch hier hatten wir interessante Podiumsteilnehmer und eine spannende und leider auch zu kurze Diskussion. Was mir bei dieser Diskussion besonders auffiel ist die Konzentration auf die verschiedenen Technologien. Wir glauben, dass es auch für die Verlage, den Buchhandel und die Autoren weniger um das Erlernen von Technologien als vielmehr um das Verständnis der damit verbundenen Kultur geht. Besonders interessant fand ich dabei die Tatsache, dass es anscheinend nicht möglich ist, Angebote aus den USA oder Japan in Europa auf die gleiche Art und Weise umzusetzen. Die Konsumenten in Japan und den USA scheinen mit denen in Europa nicht vergleichbar. Dies gilt z.B. für die Gamesindustrie oder den Handymarkt – Jin Tan wird dazu demnächst noch etwas schreiben. Diese Diversifikation ist aber nicht nur auf Regionen anwendbar. Es gibt nicht mehr den Nutzer, nicht mehr die Plattform oder das richtige Angebot. Für Bibliotheken bedeutet dies, dass sie ihre Angebote flexibel gestalten müssen. Dies betrifft nicht nur die unterschiedlichen Medien, sondern auch die Kommunikationskanäle und die Vermittlung von Medien- und Informationskompetenz.

Podiumsdiskussion

Wer unserem Twitteraccount folgte, konnte einen Teil der Diskussion miterleben. Diese Diskussion konnte nur ein erster Schritt sein. Eine Stunde war sicherlich zuwenig, um der Komplexität des Gedankenansatzes und des interdisziplinären Podiums gerecht zu werden.

An dieser Stelle gilt unser Dank vor allem den Teilnehmern der Podiumsdiskussion und der Frankfurter Buchmesse in Person von Frau Caroline Vogel.

Christoph Deeg

Und sonst?

Abschließend möchte ich noch über ein paar weitere Eindrücke auf der Buchmesse schreiben. Am spannendsten war ein Statement eines amerikanischen Verlags der meinte, dass Google in den nächsten Jahren sowohl zum weltweit größten Buchverlag als auch zum weltweit größten Buchhändler aufsteigen würde. Der Gedanke ist interessant, denn er würde ebenfalls einen großen Einfluss auf die Arbeit der Bibliotheken haben. Google würde also zum iTunes des Textes werden. Ein Anbieter, der kaum über eigene Inhalte verfügt, dafür aber den Kontakt zum Endkunden hat. In solchen Momenten denke ich immer an den Web-OPAC der idea-stores. Hier hat man z.B. Amazon nicht als Problem sondern als Chance gesehen. Das Ergebnis: wenn man den Web-OPAC der idea-stores durchsucht und sein Buch gefunden hat, findet man auf der jeweiligen Seite den direkten Link zu Amazon. Ist z.B. das Buch bereits verliehen, kann man es direkt bei Amazon kaufen. Mit jedem Verkauf verdienen die idea-stores Geld. Dies lohnt sich für beide Seiten. Die idea-stores haben eigene Kunden, d.h. amazon erreicht nun mehr Menschen. Gleichzeitig kann mit verhältnismäßig geringem Aufwand Geld für weitere Projekte verdient werden.

Ebenfalls interessant war für mich die Tatsache, dass ich zwar schnell Veranstaltungen zum Thema eBooks sowie einige Reader finden konnte. Aber wo waren die eBooks? Ich weiß es sind nur Dateien, aber warum wurde nicht versucht diese Dateien zu visualisieren? Das Buch als greifbares Medium wird nicht verschwinden aber es wird Medien geben, die wir nicht anfassen können. Und diese Medien werden zudem nicht unbedingt in der eigenen Bibliothek sondern vielmehr auf einem Server irgendwo auf diesem Planeten zu finden sein. Aber bedeutet das wirklich, dass wir nicht versuchen könnten, eine Visualisierung zu bekommen? Ich kann mir vorstellen, dass dies ein Thema für den Bereich der Medienkunst sein könnte.

Soweit meine persönlichen Eindrücke und Gedanken zur Buchmesse. Ich lade Euch herzlich ein, mit uns darüber zu diskutieren.

L1020074

Christoph Deeg
Zukunftswerkstatt

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