Zukunftswerkstatt auf dem 5. Bibliotheksleitertag in Frankfurt

15. Oktober 2009 at 15:21 Hinterlasse einen Kommentar

Liebe Freunde der Zukunftswerkstatt,

heute schreibe ich vom ersten Teil der „Frankfurter Woche“. Wie bereits angekündigt, habe ich am Montag einen Vortrag mit dem Thema:“Wenn Bibliotheken spielen gehen“ auf dem Bibliotheksleitertag in Frankfurt gehalten. Veranstaltet wurde der Bibliotheksleitertag von der Firma Bond-Biblibliotheksservice.

Um 10.15h war es dann soweit. Ich war der erste Redner und präsentierte vor allem unsere Vision der Zukunft der Bibliotheken. Es war spannend zu erleben, wie verschieden die Reaktionen der Zuhörer waren. Viele unserer Ideen wie die Roadshow oder das Weiterbildungsangebot der Zukunftswerkstatt kamen sehr gut an. Und es gab auch Rückfragen. Ich wurde z.B. gefragt, wie die von mir beschriebenen neuen Aufgaben bzw. die dadurch benötigten Ressourcen finanziert werden könnten. Angesichts immer knapper werdender Kassen und der aktuellen Finanzkrise sei es doch kaum möglich, zusätzliche Gelder für die Bibliotheksarbeit zu generieren. Die Frage war natürlich nicht unberechtigt. Wir erleben in den letzten Jahren, dass – Ausnahmen bestätigen die Regel – die zur Verfügung stehenden Mittel für die Arbeit der Bibliotheken immer weniger werden. Für neue bzw. zusätzliche Aufgaben scheint kein Geld da zu sein. Ist dies aber ein Status Quo den wir hinnehmen müssen? Ich glaube nicht. Eine gute Bibliothek sollte für eine Stadt oder eine Gemeinde weniger als Kostenstelle und vielmehr als Standortvorteil gesehen werden. Darüber hinaus sind moderne Bibliotheksangebote ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Dass die Bibliotheken nicht auf diese Art und Weise wahrgenommen werden, ist ein Zustand, den man ändern kann. Und natürlich sollte man auch überlegen, ob Fundraising ein probates Mittel für die Finanzierung von neuen Angeboten sein kann. Letztlich – und auch dafür wurden Beispiele gebracht – können in Teilbereichen Bibliotheksangebote und -plattformen auch kommerziell gestaltet werden, was zusätzliche Mittel für die Bibliothek bedeutet.

Eine andere Frage war die, ob Bibliotheken in der Zukunft wirklich das Internet gestalten können bzw. werden. Hier glauben wir in der Tat, dass es so sein muss. Bis jetzt haben wir – trotz aller Erfolge bzw. Projekte – nur wenig Inhalte im Internet vorhanden. Die Vielzahl an Daten darf uns nicht darüber hinwegtäuschen, dass Bibliotheken, Museen und Archive immer noch „schlafende Riesen“ darstellen. Und es geht dabei nicht nur um die Inhalte sondern auch um eine der Kernkompetenzen von Bibliohekaren: Dem Erschliessen, Zugänglichmachen und Vermitteln von Inhalten. Stellen Sie sich vor, wir könnten jeden Bibliothekar in Deutschland dazu bringen, einmal im Jahr für 20 Minuten einen Artikel bei Wikipedia neu zu verfassen oder einen vorhandenen zu bearbeiten? Zum jetzigen Zeitpunkt wird es nicht mehr ausreichen, auf neue Technologien und die damit verbundenen Kulturen zu reagieren. Erst wenn Bibliotheken und Bibliohekare das Internet gestalten, es kritisch hinterfragen und kundenorientiert weiterentwickeln, werden wir eine wirkliche Alternative zu Google haben.

Schließlich wurde ich gefragt, wie die Technologien der Zukunft im Detail aussehen werden. Diese Frage läßt sich ehrlich nicht beantworten. Wir glauben nicht, dass wir heute sagen können, was morgen „in“ ist und was nicht. Das Internet verändert sich so schnell, dass heuet vorhandene Angebote und Plattformen in 10 Jahren verschwunden oder unbedeutend sein können. Dies hat natürlich Auswirkungen auf die Frage, wie wir die Bibliothekare in Zukunft ausbilden und weiterbilden sollten. Natürlich wird es auch in Zukunft wichtig sein, die Technologien des Internets zu nutzen. Deshalb bieten wir ja auch Weiterbildungen zu diesen Fragestellungen an. Gleichzeitig muss es jedoch um eine neue Kultur des Ausprobierens und Lernens gehen. Es wird wichtig sein, Bibliothekare in die Lage zu versetzen, auf zukünftige Technologietrends schnell und eigenständig zu reagieren, bzw. wie schon erwähnt Trends mit zu gestalten.

Bibliothek 21
Nach meinem Vortrag sprach Christine Brunner von der Stadtbücherei Stuttgart über das beeindruckende Projekt „Bibliothek 21“. Dabei handelt es sich um einen Bibliotheksneubau in Stuttgart. Ich würde sagen, es ist weit mehr als nur ein Neubau – es ist eine völlig neue Philosophie. Die Bibliothek als Ort erlebt in Stuttgart eine Blütezeit. Zuerst sprach Frau Brunner über die Zielsetzung und Herangehensweise bei der Planung des Neubaus. Interessant war hier, dass man als besonderes Merkmal der Bibliothek die phsysische Existens der Bibliothek hervorhob. Die Bibliothek habe gegenüber virtuellen Angeboten den Vorteil, dass sie real und damit greifbar wäre. Als wir dann anhand von einigen Grafiken sehen konnten, wie die Bibliohek aussehen wird, waren alle begeistert. Ich muss zugeben, dass ich die Idee der Bibliothek als (realen) Ort selten auf so faszinierende Art und Weise „erleben“ durfte. Wenn die Bibliothek fertiggestellt ist, sollte man sie au jeden Fall besuchen.

Hamburger Bücherhallen
Als nächstes ging es um den Bereich eLearning der Hamburger Bücherhallen. Hinter dem Namen „eBücherhalle“ versteckt sich ein innovatives Konzept, bei dem die Hamburger Bücherhallen u.a. ein eigenes eLearning-Angebot realisiert haben. Spannend war für mich vor allem die Herangehensweise. Anstatt selber das komplette Angebot zu entwicklen – was nicht möglich war – tat man sich mit einem Kooperationspartner zusammen. Ich habe nun einen Account im eLearning-Portal und werde mir einen Spanisch-Kurs gönnen:-) Sobald ich das Angebot ausprobiert habe, werde ich darüber hier im Blog schreiben. Die Bücherhallen beschränken sich aber nicht auf den Aufbau eines derartigen Angebots. Vielmehr entwickeln sie neue Tools wie z.B. einen Podcast in dem die Funktionalität des eLearningangebot gezeigt wird. Das spannende: man wusste vorher nicht wie man so etwas macht – man hat es einfach ausprobiert.

MediaDG – Belgien
Nun kam Lorenz Paasch Leiter des Projektes MediaDG in Belgien an die Reihe. Er zeigte was alles möglich ist, wenn man interdisziplinär denkt und handelt. In seinem projekt ging es darum, der deutschsprachigen Minderheit in Belgien ein passendes Bibliotheksangebot aufzubauen. Dabei ging es u.a. anderem darum, dass die Bibliotheken nicht nur ihre eigenen Bestände sondern auch die der anderen Bibliotheken im Verbund nutzen konnten. Hierzu wurden Mediatheken aufgebaut. Diese Bibliotheken waren Teil der Schulen, denn man ging davon aus, dass die Lese und Recherchekompetenz Schlüsselkompetenzen sind. In den Bibliotheken gibt es eine Vielzahl an unterschiedlichen Medienformen. Zudem gibt es natürlich PC-Arbeitsplätze mit Internetanschluss und sogar Klassen- und Konferenzräume. Die Nutzung der Bibliothek ist integrativer Bestandteil des Schulunterreichts. Alle Bibliotheken sind strukturell und inhaltlch miteinander vernetzt. So kann man in jeder Bibliothek auch Bücher bestellen, die in einer anderen Bibliothek des Verbundes vorhanden sind. Ein Büchertransporter fährt jede Woche die einzelnen Bibliotheken ab. Hierfür mussten u.a. einheitliche Nutzungbedinungen geschaffen werden. Dadurch, dass es einen Web-OPAC gibt, kann die Ausleihe letztlich überall erfolgen. Es gäbe auch hier noch sehr viel zu erzählen – wir werden in einem der nächsten Blogbeiträge darüber schreiben.

Idea Stores – London
Mein persönliches Highlight war die Präsentation der Idea Stores aus London von Judith St. John. Es war beeindruckend zu sehen, wie man in einem „Problembezirk“ durch innovative Ideen und ein tolles Management die Zahl der Biblioheksnutzer innerhalb von 8 Jahren vervierfachen kann. Bei diesem Konzept stimmt einfach alles und im Bereich der öffentlichen Bibliotheken ist dies sicherlich das Best-Practise-Beispiel überhaupt. In ihrem Vortrag konnte man lernen, dass für ein derartiges Konzept die Bibliothek völlig neu erfunden werden muss. Alle Details aufzuschreiben, würde sicherlich den Rahmen diese Blogbeitrages sprengen. Aber wir werden auch zu diesem Thema in den nächsten Wochen einige Blogbeiträge verfassen.

Alles in allem war es ein toller Event. Ich möchte mich nochmal ganz herzlich für die Einladung von Bond-Bibliothekssysteme bedanken. Ein besonderer Dank gilt dabei dem Organisationsteam um Frau Hoffmann und Frau Denk, die wirklich eine fantastische Arbeit geleistet haben.

Ich hoffe, ich konnte die Teilnehmer für unsere Ideen und Projekte begeistern. Auf jeden Fall hat es sehr großen Spass gemacht.

Christoph Deeg

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