Die Sache mit Delicious

Geschrieben am 21. Dezember 2010. Einsortiert unter: Bibliotheken, Innovationsmanagement, Kulturinstitutionen, Web2.0 | Schlagworte: , |

Liebe Freunde der Zukunftswerkstatt,

heute möchte wir über ein Thema schreiben, von dem sicherlich schon einige von Euch gehört haben. Es geht um den kostenlosen Bookmarking-Dienst “Delicious”. Wie durch das durchsickern einer internen Präsentation Ende letzter Woche bekannt wurde, plant Yahoo sich von diesem Service zu trennen. Während die Folie noch nahelegt, dass Yahoo ursprünglich plante diesen Service zu schließen, besagen die aktuellen Stellungnahmen von Yahoo, dass sie den Service lediglich verkaufen aber nicht schließen werden. Offen bleibt noch, wer den Service übernehmen wird.

Da wir in unseren Workshops und Seminaren immer wieder auf Delicious verweisen bzw. Kultur- und Bildungsinstitutionen animieren, dieses Werkzeug zu nutzen, erreichten uns in den letzten Tagen eine Vielzahl an Fragen hierzu. Vor allem möchte man wissen, was die aktuelle Situation denn nun konkret bedeutet – und was sie vielleicht nicht bedeutet.

Alle diese Dienste wie Social Bookmarking-Dienste, Weboffice-Produkte wie z.B. Google-Docs sind Teile des sog. Cloud Computing. Die Inhalte und Dienste liegen nicht bei uns in einer eigenen Software auf eigenen Servern, sondern bei externen Dienstleistern. Dies praktizieren wir in Bibliotheken bereits bei unseren eJournals und eBooks und anderen Diensten, die wir täglich verwenden. Das Thema Cloud Computing ist also bereits in weiten Teilen Normalität geworden beim Umgang mit Inhalten im Internet. Nicht umsonst wurde es auch von Gartner zu einer der Strategic Technologies for 2011 erklärt.

Aber was gilt es zu beachten beim Umgang mit Cloud Computing?

Besonders wichtig ist unserer Meinung nach ein Punkt: Unabhängig von der Frage was aus Delicious wird, müssen sich alle Institutionen und Unternehmen, die im modernen Internet aktiv sind, daran gewöhnen, dass Services oder Plattformen verschwinden können oder aber an Bedeutung verlieren. Noch vor ein paar Jahren war AOL einer der großen Anbieter für Onlineplattformen. Tausende Internetuser nutzen die Software von AOL um ins Internet zu gelangen – und landeten zuerst auf der AOL-eigenen Seite. Heute ist AOL in diesem Segment absolut unbedeutend. Andere Dienste wie z.B. Bloglines, bekommen eine neue Heimat bei einem neuen Anbieter.

Wichtig ist es darauf zu achten, dass Inhalte, die man in einen Dienst einpflegt auch wieder durch einen geordneten Export entnommen werden können. Dies ist z.B. bei einem Dienst wie Delicious gegeben und somit die Mitnahme der Daten aus Delicious in einen anderen Social Bookmarking-Dienst kein Problem.

Zur Risikoabschätzung beim Cloud Computing hat Christian Hauschke auf seinem Blog infobib einige interessante Quellen zusammengetragen:

Hilfreich kann dabei die Broschüre zum Cloud Computing Risk Assessment der European Network and Information Security Agency sein. Dort werden verschiedene Risikofaktoren unterteilt in drei Felder (Technical risks, policy and organizational risks und legal risks) identifiziert und erörtert. Auch der NYT-Artikel “Lost in the Cloud” von Jonathan Zittrain gibt Hinweise auf weitere mögliche Risiken zum Beispiel für den Datenschutz.

Wir wissen nicht, ob es in 10 Jahren noch Twitter gibt. Wir wissen auch nicht, ob Facebook in 10 Jahren immer noch die gleiche Bedeutung haben wird. Wir können aber davon ausgehen, dass auch in 10 Jahren noch über das Internet kulturelle und wissenschaftliche Inhalte erschlossen, wahrgenommen und kommuniziert werden. D.h. auch wenn die Relevanz einer Plattform sinkt, die Relevanz des Internets wird weiter zunehmen.

Die Geschwindigkeit, mit der sich das Internet verändert, erfordert ein neues Denken bei Kultur- und Bildungsinstitutionen. Wir benötigen eine neue Form der Flexibilität. Damit sind sowohl die Strukturen und Arbeitsweisen als auch die Kultur der einzelnen Institutionen gemeint. Wir benötigen also einen Wandel, einen Anpassungsprozess, der es im Ergebnis den Institutionen erlaubt, schnell auf neue Technologien zu reagieren bzw. sie zu gestalten. Aktuell sind die weitaus meisten Kultur- und Bildungsinstitutionen nicht in der Lage, ausreichend schnell auf den technologischen Wandel zu reagieren. Sie sind Technologie-Folger bzw. Technologie-Follower aber (noch) keine Innovationsträger. Das Ziel für das Jahr 2011 sollte also sein, sich diesen Themen noch intensiver anzunehmen und die geänderten technologischen wie kulturellen Bedingungen in die Strukturen einfließen zu lassen.

Julia Bergmann & Christoph Deeg

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